Über Handlungs- und Willensfreiheit

IM FOLGENDEN befasse ich mich mit Handlungs- und Willensfreiheit und untersuche, inwiefern sich diese mit einem naturgesetzlichen Determinismus vereinbaren lassen. Nach einer einführenden Bemerkung behandele ich den monistischen Ansatz Donald Davidsons. Ich werde den Ansatz in Hinsicht auf seinen Anspruch auf die Vereinbarkeit mit dem naturgesetzlichen Determinismus untersuchen. Zum Schluss werde ich diesen einem kritischen Vergleich mit dem klassischen Dualismus unterziehen.

Im Bereich der Philosophie des Geistes ist die Natur der geistigen Phänomene und deren Beziehung zu den physischen Ereignisse seit je her kontrovers. Philosophen der Antike 1, dem Mittelalter und der neuen Zeit, im Osten und Westen, befassten sich damit, herauszufinden wie Handlungs- und Willensfreiheit überhaupt erklärbar sind. Die Handlungsfreiheit ist wenn der Mensch in seinem Tun nicht gehindert wird. Ähnlich wird er durch seine Willensfreiheit in seinem tun Wollen nicht eingeschränkt.

Eine der prominenten Thesen im Zentrum der klassischen Philosophie des Geistes ist der ontologische Dualismus. Bei dieser These handelt es sich um zwei separate ontologische Sphären, in denen sich jeweils Geist und Materie befinden, obgleich diese miteinander stets zusammenhängen und so eine Grundlage für höhere Konzepte wie Willensfreiheit bilden. Wie der Ansatz einer geistigen Handlung letztlich zu einem physischen Ereignis verbunden ist, beziehungsweise wie genau die Schnittstelle dieser beiden Welten beschaffen ist, blieb eine offene Frage. Zufriedenstellend waren die möglichen Erklärungen dieses Zusammenhangs jedoch nie, so dass die Philosophen weiterhin auf der Suche nach besseren Erklärungen waren. Im hinduistischen, jüdische2n, christlichen 3 oder islamischen 4 Kontext war diese Aufgabe besonders schwierig, da die Philosophie zumeist nur im religiösen Rahmen existierte. Die Existenz eines schöpfenden Gottes verkomplizierte die Erklärung im Bezug auf den ursprünglichen Initiator eines aktiven Willensvorgangs. Alternative Erklärungsversuche in der Antike waren dagegen beschränkt auf wenige Hinweise im Buddhismus. 5

Durch die fortlaufenden wissenschaftlich-technischen Erfolge in den letzten zwei Jahrhunderten entstand jedoch ein immer größer werdender Respekt für die naturwissenschaftliche Art der Erkenntnisgewinnung auf Basis der empirischen Herangehensweise. Mit der Zeit wurde der Dualismus zu Gunsten des Monismus, (der dafür steht, dass geistige und mentale Ereignisse von der selben ontologischen Beschaffenheit sind,) in den Hintergrund gedrängt. Der letztere fand in verschiedenen Formen wie Materialismus, Physikalismus und Szientismus seine Anhänger, und so bekräftigte sich allmählich der moderne Atheismus. Einige moderne Philosophen finden zwar genügend Argumente für ein materialistisches Bewusstsein, bestreiten jedoch gänzlich, dass Willensfreiheit überhaupt existiert. 6

Im letzten Jahrzehnt hat der enorme Zuwachs von Rechenleistung durch Grafikprozessoren ermöglicht, ultrakomplexe (tiefe) neuronale Netzwerke zu realisieren, durch die, die Forschung der künstlichen Intelligenz einen bedeutenden Schwung erhalten hat. Die Menschheit war noch nie zuvor näher dran, geistige Phänomene wie Gedanken, Empfindungen, Wahrnehmungen und Gefühle künstlich zu erzeugen oder zumindest näherungsweise zu untersuchen. Parallel liefert die Neurobiologie stets neue Erkenntnisse über das menschliche Gehirn, wie in der Forschung des Neocortex oder der Effekt der Neurotransmitter wie Dopamin 7 auf das Wollen bzw. Wünschen um einige Beispiele zu nennen. Ein Ende dieser Erfolge ist (glücklicherweise) nicht in Sicht, und während die Philosophie des Geistes sich von diesen Erfolgen befruchten lassen kann, hat sie sich mehr denn je mit einigen Grundproblemen zu befassen, die hier und da in der kausalen Kette der mentalen und physikalischen Ereignisse im Hinterhalt liegen.

Einer der viel versprechenden Ansätze unter den monistischen Thesen ist der von Donald Davidson dargelegte anomale Monismus. 8 Er spannt drei Prinzipien, die alle geistigen Ereignisse teilen müssten, die aber zu sich in „Scheinwiderspruch“ 9 stehen. Diese sind folgende: Erstens, dass aus der Menge der mentalen Ereignisse mindestens eines mit einem physischen Ereignis in kausaler Beziehung stehen muss, sobald eine physische Handlung aus einem mentalen Wille folgt; zweitens, dass jede kausale Beziehung einem Gesetze unterliegen muss, damit die Kausalität für eine wiederholte Erfahrung sorgen kann; und drittens, dass es keine strikten deterministischen Gesetze geben kann, auf deren Grundlage geistige Phänomene vorhergesagt werden können. 10 Der genannte Scheinwiderspruch bezieht sich auf den Widerspruch zwischen dem dritten Prinzip und den beiden ersten. Um diesen Widerspruch zu lösen, führt er seine Version von der Identitätstheorie zwischen geistigen und physischen Ereignissen ein, in dem er diese mit einander gleichsetzt. 11 Damit ist der Weg zum Monismus geebnet, wobei er im Gegensatz zu dem monologischen Monismus, der dafür argumentiert, dass es korrelierende Gesetzte gebe soll, sich für den anomalen Monismus ausspricht, bei dem dies nicht der Fall ist. Hier ist es unmöglich geistige Phänomene rein physikalisch zu erklären. 12

Das verbleibende Verbindungselement für das Knüpfen der Willens- und demnach auch Handlungsfreiheit an den bereits beschriebenen geistigen Ereignissen sind „Gründe“, denn für das Handeln einer Person sind Gründe fungierende Gedanken, die kausal eben solche Handlungen bewirken. Der Gedanke oder die Absicht eines Vorhabens ist demnach der kausal wirksame Grund für die Verwirklichung dieses Vorhabens. Laut dem anomalem Monismus, sind diese Gedanken, ähnlich wie alle anderen Gedanken oder eben mentale Ereignisse, nicht durch die physikalische Sprache beschreibbar. Demzufolge gibt es für die intentionale Handlung genauso wenig eine Möglichkeit physikalisch beschrieben zu werden. Mit anderen Wörtern: Intentionen bzw. Absichten sind mentale Ereignisse physischer Art, treten daher wie diese in kausalen Beziehungen ein obwohl sie sich nicht in die physikalische Sprache übersetzten lassen, oder wie Davidson formuliert, nicht in das nomologische Netz der physischen Ereignisse passen. 13 Das letztere ist ein Garant dafür, dass die Absichten nicht von den Naturgesetzen bestimmt werden können, so dass eine Willensfreiheit, und demzufolge in der kausalen Kette Handlungsfreiheit möglich ist. Der anomale Monismus löst daher, den anfänglich genannten Scheinwiderspruch der drei Prinzipien, genauso für Absichten wie für anderen mentalen Ereignisse auf.

Mit diesem System ist Davidson erfolgreich gelungen, Handlungs- und Willensfreiheit mit einem naturgesetzlichen Determinismus zu vereinbaren. Aber bevor wir diesen Erfolg dem anomalen Monismus zuschreiben können, und bevor verwandte materialistische Thesen sich ebenso an diesem Erfolg erfreuen, werfen wir einen erneuten kritischen Blick auf den Grundsatz der These.

Die Annahme, dass die mentalen Ereignisse zwar physisch beschaffen, aber nicht physikalisch beschreibbar sind, die als Grundlage Davidsons Schlussfolgerung dient, lässt eine Schlüsselfrage offen, wie diese sonst überhaupt beschreibbar sein mögen, wenn eine physikalische Beschreibung ausgeschlossen ist. Die genannten Ereignisse existieren und müssen in ihrer physischen Beschaffenheit spätestes zur Zeit des Inkrafttretens des Folgeereignisses festgelegt und daher grundsätzlich beschreibbar sein. Wenn eine Beschreibung dieser außerhalb der Reichweite der Physik ist, können sie nur noch philosophisch behandelt werden. Die Erwartung für das Tragen der Beweislast auf der philosophischen Seite entsteht deswegen, weil die Nutzung einer physikalischen Sprache von Anfang an nicht vorausgesetzt wird.

Sich einer philosophischen Beschreibung zu bedienen ist allerdings genau das, was die anderen Theorien über die Beziehung zwischen geistigen und physischen Ereignissen seit der Antike tun, darunter auch der anfänglich genannte klassische Dualismus. Dort wird, auch wenn in anderen Zusammenhängen, eine rein philosophische, genauer gesagt, nicht physikalische Erklärung für diese Beziehung genannt, nämlich Geist oder Seele. Der anomale Monismus liefert keine befreiende Erklärung, die in der physikalischen Welt verankert sind, sondern bedient sich notwendigerweise philosophischen Erklärungen wie der Dualismus auch.

Abschliessend möchte ich behaupten, dass es für Theorien über die Beziehung zwischen geistigen und physischen Ereignissen nahezu keine Möglichkeit gibt, sich ausschließlich den physikalischen Mitteln zu bedienen und trotzdem eine vollständige Beschreibung der Beziehung zu liefern. Nichtsdestoweniger bringt uns Davidsons Ansatz einen gehörigen Schritt weiter in Richtung feinerer Untersuchung der Handlungs- und Willensfreiheit.

Fußnoten

  1. z.B. Epiktet (50 – 138 u. Z.)
  2. Hier können auf Werken von Abraham ibn Esra (1092 – 1167 u. Z.) und Moses Maimonides (1135 – 1204 u. Z.) hingewiesen werden.
  3. Hier sind Werke von Philosophen wie Petrus Abaelardus (1079 – 1142 u. Z.), Heinrich von Gent (1240 -1293 u. Z.), Margareta Porete (1250 – 1310 u. Z.), Johannes Duns Scotus (1266 – 1308 u. Z.) und Wilhelm von Ockham (1288 – 1347 u. Z.) zu nennen.
  4. Besonders lebhaft wurde das Thema der Willensfreiheit in den islamischen Schulen der Aschʿarīya und Muʿtazila (9. – 10. Jhdt. u. Z.) diskutiert.
  5. Prominent hier sind die Werke von Nagarjuna (150 – 250 u. Z.), vgl. S. Katsura and M. Siderits, Nāgārjuna’s Middle Way, Boston 2013.
  6. Vgl. Alex Rosenberg, The Atheist’s Guide to Reality, New York 2011.
  7. Vgl. D. Z. Lieberman und M. E. Long, The molecule of more, Dallas 2018.
  8. Vgl. D. Davidson, Geistige Ereignisse aus ders. Handlung und Ereignis, Frankfurt am Main 1985.
  9. Ebd. 292.
  10. Vgl. ebd. 292 – 293.
  11. Vgl. ebd. 294.
  12. Vgl. ebd. 300.
  13. Vgl. ebd. 291.

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