Arendt und das Handeln

In diesem Text befasse ich mich mit Hannah Arendts Darstellung der verschiedenen Arten von Tätigseins, ihrem Verhältnis und der besonderen Rolle des interaktiven „Handelns“ aus ihrer Sicht. Seit der Antike wurde über die aktive und die kontemplative Lebensführung (vita activa und vita contemplativa) diskutiert um ihren Stellenwert im Bezug zu einander zu bestimmen. In ihrem Buch 1 stellt Arendt die aktive Lebensführung in den Vordergrund. Dabei untersucht sie ihre Merkmale und stellt fest, dass das politische Handeln im Zentrum dieser Lebensführung, und in vielerlei Hinsicht mit Aspekten der Gesellschaft verknüpft ist. Ich werde Arendts Darstellung des Handeln beschreiben und sie anschließend kritisch betrachten.

Arendt unterteilt das menschliche Tätigsein in drei Arten, nämlich in Arbeiten, Herstellen und Handeln. Das Arbeiten ist eine Grundvoraussetzung für das Leben; es ist notwendig um den Mensch mit Lebensmitteln zu versorgen. Herstellen dagegen ist eine Tätigkeit, bei der der Mensch eine künstliche Welt produziert, von deren Ergebnissen er oder andere während des Arbeitens und Herstellens profitieren können. Für Arendt schließt das Herstellen auch das künstlerische bzw. kreative Leben mit ein. 2

Um das Handeln als eine Tätigkeit zu definieren, macht Arendt auf die Pluralität als eine zentrale Eigenschaft der Menschen aufmerksam. Die menschliche Pluralität ist eine Vielheit, die die Einzigartigkeit ihrer Glieder mit sich bringt; Besonderheit oder Anderssein, als Aspekte der Pluralität prägen die Menschen und sind überhaupt der Grund dafür, dass Menschen differenzieren können. In dieser Hinsicht ist das Handeln die einzige Art der menschlichen Tätigkeit, die diese Einzigartigkeit darstellt, und zwar als ein Modus für die Offenbarung des Menschseins selbst.

Man kann arbeiten, oder für sich arbeiten lassen; herstellen oder für sich herstellen lassen, oder diese Tätigkeiten beliebig kombinieren; als Handelnder ist der Mensch stets selbst am Zug. Arbeiten und Herstellen benötigen nicht die Gegenwart anderer Menschen, Handeln, laut Arendt, ist dagegen nur dann möglich, wenn andere Menschen mit einbezogen werden, und zwar in einem Bereich oder Raum, der zwischen den Menschen liegt. 3 Hier liegt für Arendt die Besonderheit des Handelns als eine Tätigkeit, bei der die gemeinsame Regelung menschlicher Angelegenheiten möglich ist. Selbstverständlich sind Arbeiten und Herstellen, sofern diese gemeinsam durchgeführt werden, ähnlich wie das Handeln. Selbst das Handeln kann instrumentell, strategisch oder politisch motiviert sein. Arendt geht es hier nur um die letztere Art, nämlich das freie Handeln, das als einzige Art gemeinschaftlich und daher auch politisch sein kann. Aus dem selben Grund kann das Handeln im Gegensatz zum Herstellen und Arbeiten nicht anonym sein, sonst droht ihm die Sinnlosigkeit und Vergessenheit. 4 Handeln zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass im Gegensatz zu den statistisch erfassbaren Wahrscheinlichkeiten, die stets bei den anderen Arten der menschlichen Tätigkeiten vorkommen, immer das unendlich Unwahrscheinliche ist, dass passieren kann. 5

Im allgemeinsten Sinne setzt Arendt „Handeln” und „etwas Neues Anfangen“, und im partikulären Sinne „Handeln“ und „Sprechen“ gleich, 6 Sprechen und Handeln sind so mit einander verwebt, dass es überhaupt kein wortloses Handeln für Arendt geben kann, keine menschliche Verrichtung macht einen signifikanteren Gebrauch des Wortes wie das Handeln. 7

Für Arendt ist jeder Neuanfang eine Erscheinungsform des menschlichen Handelns. Jede neuangefangene Aktion setzt etwas in Bewegung; Menschliche Natalität oder Gebürtlichkeit ist selbst ein vollkommenes Beispiel eines Neuanfangs. 8 Menschen kommen mit ihrer Geburt, sprechend und handelnd in eine bereits existierende Welt, in einem bereits vorhandenen System, zu dem sie Bezug nehmen werden, „ein Bezugssystem, das sich überall bildet, wo Menschen zusammenleben.“ 9

Auf dem Weg zu den gesellschaftlichen Aspekten des Handelns findet Arendt, dass die Menschheit als Ganzes nicht zum Handeln fähig ist, da ihr die notwendige Eigenschaft der Personalität fehlt. 10 In der Geschichte der Menschheit kann es nur um die Handlungen und Taten handelnder Helden gehen. So erhält die Geschichte ihre politischer Natur (eine strategische oder instrumentelle Geschichte ist nämlich wenig wert). Der Mut des Helden der Geschichte stellt dabei eine Schwelle für sein Handeln dar, auch wenn es darum geht, bloß die Verborgenheit seines privaten Bereiches zu verlassen und sich den Mitmenschen zu exponieren. 11

Die genannten Eigenschaften des Handelns zeichnen seinen interaktiven bzw. kommunikativen Charakter aus. Wo es handelnde und kommunizierende Menschen gibt, entsteht ein Erscheinungsraum und zugleich ein Machtpotential. Sobald dieselbe nun realisiert wird, in dem „Worte und Taten untrennbar miteinander verflochten erscheinen“ 12, entsteht die Macht, die wiederum den selben Erscheinungsraum für das Handeln der Menschen zusammen hält. Die Macht kann entstehen so lange die Möglichkeiten des Handelns stets offen sind. Im Gegenzug hält sie eine Gruppe von Menschen oder eine Organisation zusammen, sobald der Augenblick des Zusammenhandelns verflogen ist. 13 Die Macht kann diese Möglichkeiten aber genauso unterdrücken, so dass kein Handeln mehr möglich ist. Das ist ein Kennzeichen der Tyrannis, so Arendt. Gerade wegen der rückgekoppelten Verbindung von Macht zum Handeln, wegen der Notwendigkeit eines inter-menschlichen, gemeinsamen Handelns für die Entstehung der Macht, kann die Macht nicht korrumpierend auf das Handeln wirken, wohl aber auf das Herstellen (unter anderem auch das kreative Künstlerleben) und Arbeiten, das in der Isolierung vollbracht werden kann. 14 Das Handeln bleibt als einziges Instrument gegen die Macht.

Durch eine genaue Untersuchung der menschlichen Tätigkeiten gelingt es Arendt, das für das aktive Leben wichtigste Element, nämlich das Handeln, zu charakterisieren. Die facettenreichen Eigenschaften des Handelns, besonders seine interaktive Natur unterscheiden es von den anderen Tätigkeiten des Menschen, und verleihen ihm eine enorme Reichweite in der menschlichen Gesellschaft, ihrer Geschichte und sogar ihrer strukturellen Form; das Handeln agiert stets als ein Glied zwischen den Menschen.

In diesem Sinne, so Arendt, sichert sich das Handeln mit Erfolg den höchsten Rang in der Vita activa. 15 Ihr übergeordnetes Projekt, den höheren Stellenwert der Vita activa gegenüber der Vita contemplativa festzustellen, ist gelungen, da sie akkurat zeigen kann, dass ein gemeinschaftliches Leben ohne Handeln praktisch unmöglich ist. Die Lebensanschauungen, die das menschliche Zusammenhandeln nicht im Fokus behalten, gar verachtend dagegen argumentieren, sondern das zurückgezogene Leben der Individuen hochpreisen, können den Bedürfnissen einer immer größer werdenden menschlichen Gesellschaft nicht gerecht werden.

Heute erachte ich es mehr denn je für wichtig, in einem Alltag, in dem die Kommunikation und Interaktion die Überhand gewonnen haben, in dem die Schwelle zum Handeln viel niedriger geworden ist, zu erkennen, welche grundlegende Natur das Handeln hat, damit allen seine weitreichende Beziehungen zu der Gesellschaftsstruktur und zu der politischen und ökonomischen Macht klar werden. Arendt hat in ihrem Werk erfolgreich die nötige Basis für dieses Verständnis präsentiert.

Fußnoten

  1. Vgl. Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2006.
  2. Vgl. ebd. 214.
  3. Vgl. ebd. 224.
  4. Vgl. ebd. 222.
  5. Vgl. ebd. 216.
  6. Vgl. ebd. 215.
  7. Vgl. ebd. 218.
  8. Vgl. ebd. 217.
  9. Ebd. 226.
  10. Vgl. ebd. 228.
  11. Vgl. ebd. 232.
  12. Ebd. 252.
  13. Vgl. ebd. 251-254.
  14. Vgl. ebd. 258.
  15. Vgl. ebd. 260.

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