Hermann Cohens “Der Jude in der christlichen Kultur”

Dieser Aufsatz von Hermann Cohen aus dem Jahre 1917 ist ein bemerkenswerter Appell an die jüdische Gemeinschaft, ihre ursprünglichen Werte zu erkennen und zu bewahren. Während ich die Lektüre des Originaltextes 1 uneingeschränkt empfehlen kann, versuche ich im folgenden eine Zusammenfassung dieses Aufsatzes darzustellen.

I.

In diesem Aufsatz befasst sich Cohen mit der Problematik der Juden und erkundet die Grunde warum diese sich in der christlichen Gesellschaft nicht heimisch fühlen. Der Jude muss sich der allgemeinen Kultur bedienen die im Grunde von der christlichen Kultur erfüllt und belebt ist, unabhängig wie wahrhaftig seien eigene Überzeugungen im Bezug auf Gott sind.

Laut Cohen haben die religiöse Überzeugungen ihre Quelle nicht in der Erkenntnis und Wissen, sondern in der Familie und Tradition. In sofern haben die Christen es selbstverständlich, dass Ihre Angehörigkeit zur Religion so im Einklang mit Ihre religiösen Bildung ist. Selbst wenn hin und wieder die eine oder andere Gewissensfrage entsteht, bleibt dieses kulturelle “Netz” bestehen und gibt den Christen einen richtigen halt. So bleibt der Gesamtcharakter des christlichen Weltalters unbeschadet bestehen. Die christliche Weltvorstellung beeinflusst sogar zum Teil die Geschichte selbst.

Der Jude fühlt sich gegenüber diesen weltumfassenden Gedanken fremd. Er hat zwei Alternativen: Diese Weltkultur zu akzeptieren, oder sich zurückzuziehen in der Einsamkeit. Dabei fehlt es dem Juden nicht an religiöse Gesinnung, sondern fehlt es ihm an Erkenntnis über die jüdischen Kultur, so zum Beispiel würde er selbst das alte Testament überhaupt durch die Empfehlung eines Christen lesen wollen. Dem Juden entsteht das Gefühl, als würde die jüdische Kultur an eben dieser christlichen Weltkultur keinen Anteil gehabt zu haben. Cohen versucht diesen Anteil des Judentums in der christlichen Kultur darzustellen.

II.

Cohen erkennt die christliche Idee des Leidens als wertvoll an. Hier ist besonders das Bewusstsein des Unglücks gemeint. Weniger die geschichtlichen unterschiede, mehr aber dieses Konzept des Leidens ist der eigentliche Unterschied zwischen den sittlichen Auffassungen beider Religionen. Cohen klagt, dass der Jude gerade von dieser Symbolik zurück schreckt.

Für den Juden ist Mose ein Knecht Gottes der Seine Lehre mitbringt und diese Lehre ist dann eben der Inhalt der Religion. Die Symbolik des Leidens hat seine Wurzel in dem alten Testament wie im Buch Hiob, und das sollte der Jude anerkennen. Selbst die Passion Christi findet sich in dem Buche des Deuterojesajas wieder wenn man genauer liest. Stattdessen erkennen die Juden dagegen das anscheinend fremde wieder an und verehren diese. Auch im Judentum ist der Gestallt Israels im menschlichen Leiden definiert.

III.

Cohen behauptet, dass eine Art Pantheismus sich auch im Christentum befindet, dieses besagt zwar nicht, dass das Universum und Gott die gleichen seien, ermöglicht aber durch Konzepte wie Weltseele, Logos und die Inkarnation Gottes in Form von Mensch d.h. Christi Ansätze des Pantheismus. Cohen weist darauf hin, dass die Vernunft die Vermittlung zwischen Gott und Mensch übernehmen soll. Aber da die Menschwerdung Gottes diese Vermittlung verkörpern kann, entsteht somit der Ansatz des Pantheismus, was im Kern mit dem jüdischen Glauben in Konflikt steht.

Für Cohen stellt also die Vernunft das Vermittlungselement zwischen Mensch und Gott her, dass aber keine Identität bedeuten soll. Der Keim des Pantheismus befinde sich noch im Judentum. Der Begriff des heiligen Geistes spielt dabei eine wesentliche Rolle, ein Begriff der noch aus den Quellen des Judentums stamme.

IV.
Cohen bemerkt, dass der Protestantismus das Individuum im Zentrum des Glaubens stellt, d.h. die subjektive Verantwortlichkeit des religiösen Glaubens kommt hier zum Vorschein. Hier sucht die Person nicht die Kirche sondern die kirchliche Autorität sucht das Individuum.

Der protestantische Glaube habe ihre Wurzeln in der deutschen Mystik. Im Protestantismus ist der Glaube immer weiter die Aufgabe der Vernunft des Individuums und ist weniger von der Geschichtlichkeit Jesu abhängig. Diesen Punkt können Juden aus der protestantischen Kontext der modernen Kultur entnehmen ohne sich mit dem Katholizismus zufrieden geben zu müssen. Vielleicht reicht das sogar als Anschluss für den Juden, meint Cohen, ein Teil der lebendigen Kultur des religiösen Lebens zu werden.

Auch in der Versöhnung der Missetaten, in welcher der absoluten Monotheismus und Bekenntnis zu einem einzigen guten Gott sichtbar ist, ist die Rolle des Individuums deutlich, denn es ist das Individuum, daß das reine Herzen machen soll, die Vergebung kommt dann von Gott. Diese Innerlichkeit des Glaubens ist zugleich die Quelle des jüdischen Monotheismus und der jüdischen Ethik.

Fußnoten

  1. Hermann Cohen, “Der Jude in der christlichen Kultur”, Jüdische Schriften, hrsg. v. Bruno Strauß, Bd. 2 (Zur jüdischen Zeitgeschichte), S. 193-209 (1917).

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