Hermann Cohens “Die religiösen Bewegungen der Gegenwart”

In diesem Aufsatz untersucht Hermann Cohen die religiösen Bewegungen seiner Zeit. Obwohl der Aufsatz vor mehr als 100 Jahren entstanden ist, hat er kaum an Aktualität verloren. Ich kann die Lektüre seines Originaltextes 1 sehr empfehlen. Im folgenden versuche ich eine Zusammenfassung seiner Positionen darzustellen.

Cohen schreibt, dass die Religion in seiner Zeit von seinen Fokus auf Gott habe und es werde erwartet, dass sie mit der Kultur nichts zu tun haben soll. Es scheint einfacher zu sein, das Verhältnis von Gott zum Menschen definieren zu wollen. Allerdings bleibt die Frage unbeantwortet, ob der Begriff des Menschen sein Verhältnis zu Gott erfordert. Diese Frage ist die Kernfrage für die Religion und auch für die Kultur, und zum Schluss für die Einheit der Kultur, sofern eine solche Einheit existiert. Eine weitere Angelegenheit ist festzustellen, ob die Religion ein gleichartiger Teil der Kultur sei. Demzufolge ist der Begriff der Weltanschauung entstanden. Früher haben die Künste sich der Religion anpassen müssen, heute übernimmt die Rolle der Religion die Weltanschauung.

Immer wieder kommt es zum Vorschein, als würde die Moderne die Religion verdrängen, allerdings unter dem Vorwand “Metaphysik des Mittelalters” kommt sie wieder in die Moderne zurück. Auch in der Literatur und Kunst sind immer noch religiöse Motive vorhanden und die großen Künstler haben vielmehr aus eigene Überzeugung solche Werke der Kunst erschaffen.

Es gibt moderne Geister der Literatur bei denen die Diskussionen über die religiösen Gegenwart stattfinden. Ein Bericht über religiösen Dinge muss gleichzeitig auch eine Lösung angeben so ist der Berichterstatter gleichzeitig auch ein Richter. Manchmal verengt aber die Bekenntnistreue mancher christlichen Autoren die über Judentum berichten in ihrer Art. So möchte Cohen nicht sein. Das hat auch Saadja Gaon schon gemacht. Er hat sich nur die tieferen Gründe des Christentums angesehen und diese untersucht, und hat sich von seinem eigenen Glauben nicht beeinflussen lassen.

Auch das Judentum soll man auf Grund der wissenschaftlichen Idealisierung betrachten. Diese wissenschaftliche Aufgabe ist zugleich der Pflicht. Auch jeder Kulturmacher soll seine Religion seinem Kunstwerke als Seele dienen. Cohen meint, dass man zwar versucht seine Urteile über die Religionen zu stellen, aber niemand habe es je geschafft dies richtig zu machen, nur Spinoza hat behauptet er könne das mit seiner Idealisierung erreichen. Mit solch einer Idealisierung könne man auch andere Religionen betrachten.
Cohen ist der Ansicht, dass die protestantische Theologie den Juden die Bibelkritik gegeben habe. Diese bleibt nicht bei der Offenbarung stehen, da diese die Sicht tiefere Einblicke versperrt. Für Katholizismus darf Christus niemals Mensch werden. Irenäus, Leibniz und Kant hätten jeweils ihre Auffassung. Für Leibniz ist Christus der gemeinsame Name der Menschlichkeit. Kant versucht die Idee der Menschlichkeit der Idee der Sittlichkeit gleichzusetzen. So wären also die Idee Christi und die Idee der Sittlichkeit ebenso gleich. Kants Beweisführung beruht auf die Idee Christi nicht auf die Geschichte des Glaubens. Kant behauptet, die Idee Christi wohl aus dem geschichtlichen Anteil des Glaubens komme, daraus werde die Idee Christi zur Idee der Menschheit und daraus zur Sittlichkeit.

Cohen behauptet aber, dass es nicht darauf folge, dass diese Idee Christi nun für immer in der Zukunft als Grundlage des Glaubens dienen könnte. Ist die Basis also schwach? Warum ist das so? Weil man versucht, Christus einmal nur als Idee beizubehalten, anderseits braucht man ihn als Person für die Sittlichkeit und Ethik, wie z.B. was er den Aposteln gesagt haben mag oder wie er sich in manchen Fällen verhalten habe.

Das Judentum kennt keine gerechte Menschen, es gäbe keine vollkommenen Menschen, denn allein Gott der Einzige sei die Quelle der jüdischen Sittlichkeit und Frömmigkeit. Mose sei nur im geschichtlichen Zusammenhänge als „unser Lehrer Mose“ geblieben. Gott habe es so gewollt, und anschließend ihn so bestattet, damit niemand seinen Grab findet und ihn verehrt. Im Gegensatz zum Christentum, bedarf der jüdische Glaube keiner menschlichen Person, weil diese unvermeidlich zur einer göttlichen werden müsste.

Cohen meint, manche Christen würden behaupten, die Sage des Christus bleiben würde, auch wenn als eine Dichtung oder als Kunst. Was sie aber nicht wüssten, ist das Kunst von alleine keine reine Religiosität zur Folge haben kann. Dass die Lehrer Christi unübertrefflich sei, könne niemand in die Zukunft voraussagen. Die christliche Frömmigkeit sei immer retrospektiv und schaut bzw. hofft auf die Wiederkunft des bereits Erschienenen. Auch wenn man Christus als eine ewige Wurzel aller geschichtlichen Entwicklungen annehmen würde, hilft es nicht, da diese könne nur von einer Idee erwartet werden nicht von einer Person.

Was dem Messias angeht, merkt Cohen an, dass der prophetische Messias der für die Sünden der Menschheit gelitten hat, ist gar nicht als Person zu verstehen, sondern als das ganze Volk Israels. Die griechische Übersetzung vom Worte der den Namen Christus vom Messias bildet ist ohnehin falsch. Die ganze Menschheit soll Messias sein!

Laut Cohen sei die Erlösung nun nicht allein durch den Menschen möglich, man bräuchte Gott dafür, aber auch nicht ohne den Menschen. Christus sei ein Helfer der Beistand leiste. Im Judentum aber werde Gott selbst zum Erlöser und bedarf keines menschlichen Gestalltes. Im Judentum soll der Mensch aus eigenen Kräften sich auf die Erlösung hinarbeiten. Der göttliche Anteil liege im Gelingen dieser Erlösung allein, während das Ziel Gott selbst sei. Daher schreibt Cohen, dass Pantheismus im christlichen Dogma enthalten sei. Warum? Weil Gott ist nicht der Erlöser, der Mensch auch nicht, sondern nur Gott in Form eines Menschen. Das ist mit der jüdischen Sittlichkeit nicht vereinbar.

Über das Motiv „Erleben” schreibt Cohen, dass der Christ das Leben und den Tod Christi in sich selbst zum Erleben bringen soll. Das Erleben sei nicht das Leben oder die Hingabe an das Leben, sondern die Erzeugung eines neuen Lebens. Dabei soll das neue Leben soll das „alte“ übertreffen, einen Aufschwung geben. In der jüdischen Variante heißt es aber nicht in Gott hinein, sondern zum Gott hin zu gehen. Das Erleben sei der Aufschwung oder das Aufsteigen zu Gott. Das Erleben sei nur durch die Verbindung mit dem Leben gegeben. Die Reinheit des Herzens ist das Fundament der Gesinnung. In dem Erleben möchte man auch den tiefsten Grund dieser Gesinnung sehen. Laut Cohen ist “das Leben immer ein restloses Aufgehen in der Wirklichkeit”. Hier macht Cohen keine weiteren Bemerkungen zum Thema Mystik, in seinen anderen Schriften aber schon wo er anmerkt, dass er nicht ganz dahinter steht.

Zum Thema Gotteskindschaft schreibt Cohen, dass der jüdische Vaterbegriff Gottes sei vom Christentum verändert worden, in dem der Begriff des Vaters für alle Menschen (bei dem dadurch alle Menschen Brüder wären) sich jetzt nur noch für Christi allein einschränkt. Aber Gott ermögliche seine Vaterschaft für alle Menschen, da soll kein Sohn auserwählt werden und diese Vaterschaft einschränken. Cohen schreibt, dass die Idee Christi nicht nur eine Schwierigkeit für die Idee der Menschheit bilde, sondern auch gegen den Begriff Gottes sei. Gott ist der Hüter Israels, so sind die Juden die Hüter Gottes. Der einzige Gott ist der Schwerpunkt des Lebens als Jude. Diese bestimmt auch die jüdische Kultur und Kunst. Für den Juden ist Gott in den Tiefen seines Wesens verwoben.

Cohen bleibt weiterhin fest überzeugt, dass Trotz der vielen Versuche des Christentums, an seiner Stelle der Pantheismus eingetreten sei. Heinrich Heine habe ebenso in Pantheismus auch eine Gefahr für das Judentum gesehen.

Cohen erforscht danach den Unterschied zwischen Diesseits und Jenseits und den damit verbundene Konzept der Transzendenz Gottes. Die Idee stamme vom Platon für seine Idee des Guten. Jenseitigkeit bedeutet eine Unterscheidung von dem Sein der Natur. Sie begründet das Sein der Sittlichkeit. Diese Idee des größten Gutes in der Ethik ist, das was der Prophet als der einzige Gott bezeichnet. Und da die Menschen von den dreizehn (13) Eigenschaften Gottes nur diejenigen Verstehen, die mit der Sittlichkeit verbunden sind, können sie Gott auch nur so verstehen. Gott sei das Urbild der menschlichen Sittlichkeit. Das ist die wahrhaftige Bedeutung der Transzendenz, da Gott über alle Kräfte ist. Sittengesetz zu leugnen wäre daher gleich Gott selbst leugnen zu wollen. Wer das Naturgesetz annimmt muss auch daher das Sittengesetzt annehmen.

Der Pantheismus hebt den methodischen Unterschied zwischen Natur und Sittlichkeit auf, das sei ein Fehler. Spinoza möchte die menschlichen Handlungen beschreiben, Kant behauptet dagegen, man könne die Menschen nicht wie Objekte beschreiben, nicht was soll er sein sei wichtig, sondern was soll er wollen. Wer wie Spinoza, den Monotheismus wie ein Objekt betrachtet der ist Pantheistisch, und hat kein Sittlichkeit, so Cohen. Cohen erläutert, dass der messianische Gott der Erlöser der Menschheit sei und dadurch auch der Erlöser des Menschen. Pantheismus ist daher unreif, weil Gott nicht von der Welt verschieden ist, aber wohl von der Natur.

Über die Zukunft des Judentums schreibt Cohen, dass die wissenschaftliche Zukunft des Judentums gesichert sei, weil mit der Zeit immer mehr Wahrheiten ins Licht kommen, die das Judentum bestätigen würden. Was die aktuelle Praxis angeht, notiert er, es werde aber immer schwieriger die Tendenz gegen die Erhaltung der hebräischen Gebete zu bekämpfen. Die Hauptgebete sollten in der Ursprache bleiben damit sie Ihre ästhetischen Form nicht verlieren. Die Juden haben Geduld und missionieren nicht, weil sie den Monotheismus für die schwerste Aufgabe der Menschheit halten. Cohen gibt aber eine besondere Stelle zu dem protestantischen Christentum, was er als “idealisiert” kennzeichnet, betont aber, dass die echte Humanität und Nächstenliebe weiterhin im Judentum zu finden seien. Die Juden können bei Bedarf, immer wieder die religiösen Wahrheiten aus anderen Religionen lernen.

Fussnoten

1. Hermann Cohen, “Die religiösen Bewegungen der Gegenwart”, Jüdische Schriften, hrsg. v. Bruno Strauß, Bd. 1 (Ethische und religiöse Grundfragen), S. 36-65 (1914).

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s