Hermann Cohens “Die Einzigkeit Gottes”

Das postum erschienene Werk „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ ist meines Erachtens ein Meisterwerk der Religionsphilosophie. 1 Seit über 100 Jahren kann man sagen, dass keines der behandelten Themen in diesem Buch an Relevanz verloren haben. Mit seinen Erklärungen bewegt sich Cohen in diesem Werk schritt für schritt in Richtung einer vollkommenen Beschreibung einer Religion, die die Vernunft als Basis hat. Die verschiedenen Aspekte einer monotheistischen Religion behandelt er dabei wie sie aufeinander aufbauen.

Einiges an Grundkonzepten die für Cohen wichtig sind, wie z.B. die Sittlichkeit und ihre Quelle, müsste man eventuell noch von seinen früheren Veröffentlichungen entnehmen, da sie hier in diesem Buch nicht so ausführlich erklärt werden.

Das Buch ist keine leichte Kost. Die einzelnen Passagen müssen mit extrem viel Aufmerksamkeit gelesen werden. Es ist von Zeit zur Zeit schwer durchzublicken, was Cohen, verdeckt hinter seiner Schreibweise, bezweckt. Viele Passagen musste ich mehrere Male durchlesen. Die Mühe wurde allerdings immer mit neuer Erkenntnis belohnt.

Als ich das Buch beim ersten mal in der Hand hatte, wurde mir schnell klar, dass eines der wichtigsten Kapitel tatsächlich das erste ist. Cohen befestigt die Fundamente seiner Beschreibung einer Religion der Vernunft in die Klarstellung des Gottesbegriffs. Ich kann die Lektüre des Originaltextes nur empfehlen. Nichtsdestotrotz beide ich eine Zusammenfassung dieses Kapitels an, in der Hoffnung, dass sie nützlich sein kann. Die Sätze im Klammer habe ich als zusätzlicher Erklärung hinzugefügt.

1- Zu Beginn betrachtet Cohen die Einheit und die Einzigkeit Gottes. Als Inhalt des Monotheismus setzt Cohen die Einzigkeit Gottes, nicht Seine Einheit. Er stellt in Frage ob die Einheit, als Gegensatz zu Vielheit allein vermögend sein konnte den Monotheismus gegen Polytheismus durchzusetzen. Im Polytheismus haben die vielen Götter ein Verhältnis mit der Natur gehabt, so dass der neue Begriff des Monotheismus nicht allein durch das Ersetzen von Vielheit durch Einheit, sondern dem Polytheismus entgegen treten kann sondern auch die Beziehung des monotheistischen Gottes mit der Natur klären muss; Natur mit ihrer verschiedenen Erscheinungsformen und Kräften. Daher wird Einheit mehr als nur gegen Vielheit sein müssen, genau so mehr als nur das Gegenteil vom Zusammengesetztheit.

2- Die Einheit ist aber nicht in der Lage dieses zu bewältigen, die Einheit Gottes kann nur der Vielheit der Götter entgegen gesetzt werden, was übrig bleibt, ist die Aufgabe der Einzigkeit, diese stellt sich gegenüber der Natur. Das Verhältnis zur Welt verlangt die Behandlung zur Philosophie, aber da die Religion keine Philosophie ist, bleibt das unangetastet. Die Religion der Vernunft aber ist in Ihrem Vernunftanteil mit der Philosophie verwandt und kann aus diesem Grund einen Eingang zur Thematik finden.

3- Die natürliche und die sittliche Welt sind sich analog. Der Ursprung des Monotheismus ist nicht klar, weil das Urmotiv Gottes ohne das Urmotiv der Natur nicht bestimmbar ist. (Hier bietet Cohen keine ausreichende Erklärung für diese Behauptung, falls jemand hier eine andere Quelle aus den Werken von Cohen kennt, in der er diesen Punkt näher beleuchtet, wäre ich dankbar für einen Hinweis).

4- Monotheismus sei nicht der Gedanke eines Menschen, sondern der gesamt jüdische Nationalgeist habe einen Anteil an seiner Entwicklung. Der Polytheismus entwickelte sich zu Monotheismus. Er kam nicht aus dem nichts, sondern hatte seine Wurzeln in Polytheismus, der auch Israel in Kanaan eigen war. Durch die Auswanderung nach Ägypten konnte der Monotheismus keimen und als die Rückwanderung nach Kanaan vollzogen war, ist auch der neue Gott entstanden. Diese historischen Momente beinhalten alleine nicht den positiven Moment des neuen Gotts. Der neue Gott muss sich positiv behaupten. Er muss sich nicht nur zu den vielen Göttern sondern auch zu der Natur im Verhältnis stellen. Für uns Menschen ist die einzige Möglichkeit an diesem Moment der Umwandlung heranzukommen, nur durch die Quellen gegeben, die vielleicht durch ihre Naivität genau diesen verdecken. (Gemeint sind hier die Quellen des Judentums, die gleichzeitig die Urquellen des Monotheismus sind).

5- Im Judentum sind die Quellen in der Literatur dargestellt, während der Polytheismus Plastik und Denkmälern hinterlassen hat. Während die Plastik sich der Natur gleich macht, stellt die Poesie die geistigen Gedanken dar und macht diese noch innerlicher als die Plastik und die bildende Kunst. Die hebräische Poesie beschränke sich auf Lyrik and Epos (aus Cohen’s Sicht sind diese 2 Formen die besten). Der Zugang zu den Urquellen sei verständlich nur durch die epische Urform des Nationalgeistes des Judentums.

6- Es bleibt unaufklärbar dass das Wort Elohim im Plural sich weiter gegenüber des neuen Wortes Jahve durchgesetzt hat. Cohen versucht zu erklären, dass die verschiedenen Erklärungsversuche nicht ausreichend sein werden, es sei denn sie ziehen die historischen Umstände in Betracht: der neue Gott strahlt den Monotheismus durch seine Energie. Jetzt kann man sogar umgekehrt behaupten, der neue Gottesname gar nicht nötig wäre, man könne die alte Pluralform sogar fortleben lassen. Mit der Nutzung der Pluralform zeigt man nicht nur den Werdegang, stellt man zugleich sicher dass kein Rückfall zum Polytheismus stattfinde (weil man immer den Unterschied zwischen ein und viel vor Augen hat). So stellen die jahvistischen und die elohistischen Quellen beide einen sicheren Anteil zum reinen Monotheismus (Das sind Quellen, z.B. Stellen in der hebräischen Bibel, in denen entweder die eine oder die andere Gottesbezeichnung erwähnt werden).

7- Gott ist dem Abraham und Jakob noch als El Shaddai erschienen, dem Mose später als YHWH.

8- Der neue Gottesnamen hat ihre Wurzeln im Worte „Sein“ (HYH). Die Beziehung des ältesten Gottesnamen zur Natur ist nun die Schöpfungsakt. (Indem Gott sich im brennenden Dornbusch so nennt, „ich bin der ich bin“, verbindet er die Begriffe des Gott und das Sein miteinander. Somit entsteht eine Verbindung mit der Schöpfung.)

9- Die Verbindung zwischen dem „Sein“, „Einheit“ und „Gott“ wurde noch im antiken Griechenland in Verbindung gebrach (Xenophanes). An der Vorstellung des Seins konnte der Gedanke der Einheit der Natur entstehen (Man könnte sich vorstellen, dass die Natur eine Einheit ist). Die Einheit vollzieht den Unterschied zwischen der Wahrnehmung und Denken. Welche war zu erst gedacht worden? Sein oder Einheit? Beide sind in einander verwoben. Ohne das Sein konnte der Kosmos nicht als Einheit gedacht worden sein. Der 3. Begriff des Gottes entsteht bei Xenophanes in Wechselwirkung zwischen Sein (die Welt) und Einheit, so dass Gott und Kosmos hier beide Einheiten sind und zwar dieselben. So ist die schwelle der Pantheismus in der griechischen Philosophie.

10- Die Einheit des Kosmos wird mit der Einheit Gottes in Verbindung gebracht, sie sind im Grunde die gleichen. Weiter bringt der Gedanke der Einheit nicht. Die Einheit Gottes ist ein negativer Ausdruck der die Differenz zum Polytheismus bezeichnet. Auch ein Gegensatz zum Pantheismus, so bald die Einheit den Gegensatz zum Zusammengesetztheit bedeutet und die Identität von Gott und die Welt ausschließt. Daher schreibt der Vernunftanteil der Religion uns vor, dass die Einheit nicht der tiefste Sinn des Monotheismus sein kann.

11- Weiter kommt man aber mit der Einzigkeit als positiver Begriff (d.h. wenn man versucht ihn separat zu definieren) Hier kommen die Begriffe Sein und Gott wieder zusammen, aber in einer strengen Identität (d.h. Sein und Gott sind gleich). Nur Gott hat sein, und nur Gott ist sein. Die Welt ist schein. Es gibt nur eine Art von Sein, Gott ist dieses einzige Sein, Gott ist der Einzige.
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהוָה אֱלֹהֵינוּ יְהוָה אֶחָד
(Auch der Begriff Achduth ist hier wichtig).

12- Die Bezeichnung des Sein als das Seiende —> Die Verwandlung des Neutrums zu Person —> die Verwandlung von Es zu Du (Hier ist eine Ähnlichkeit zu Buber unübersehbar.). Aber hier gleich fängt der Antropomorphismus als Gefahr an. Um die Gefahr abzublocken, merkt Cohen „Gott ist nicht das Seiende auch nicht das Eine, sonder der einzig Seiende. (Eines der wichtigsten Paragraphen in diesem Kapitel, zugleich aber sehr kompakt.)

13- Der brennende Dornbusch —> Die Offenbarung des Seins. Da sprach Gott zu Mose, „ich bin der ich bin”, nicht „ich bin wer ich bin“. Er antwortet, ich bin der Seiende ich bin der nichts anders bestimmbar ist als der Seiende. Im Verlauf wird klargestellt, dass Gott der Seiende der Gott Israels ist. Die Symbolik des Dornbusches ist sehr prominent. Der Dornbusch verbrennt nicht. Gott ist der ewig Seiende. Das einzige Sein hebt das Sein anderer Götter auf. Das Sein muss richtig erkannt werden, die Götter bilden einen Widerspruch zum Sein —> Hier kommt wieder das Vernunftsprinzip zum Vorschein: Du sollst keine anderen Götter oder Wesen außer mir haben. Dekalog (10 Gebote). Du sollst keine anderen Wesen als Gott haben. Es gibt nichts anderes im wahren Sein neben ihm und außer ihm. Es ist kein Gott außer mir, nichts ist außer mir (Jes 44,6 und 45,6)

14- Die Einzigkeit besteht in Unvergleichbarkeit.

15- Die Unterscheidung zwischen Sein und Dasein —> Vernunftanteil im Monotheismus. Dasein vom Sinnen bezeugt, die Vernunft gibt dem Dasein Wirklichkeit und das Unsinnliche zum Sein erhebt.

16- Die Einzigkeit ist auch gegen Einfachheit. Die Einfachheit als Gegensatz zur Zusammengesetztheit ist nicht genug für das Sein Gottes. Das Sein Gottes geht auf keine Mischung mit dem sinnlichen Dasein ein.

17- Die Natur ist durch Raum und Zeit begrenzt. Das Sein Gottes aber nicht. Cohen meint Gott könne nicht ohne die Welt, nicht ohne die Menschenwelt bleiben. (diese Stelle, wie in §3 ist leider nicht klar begründet. Für Hinweise auf weiteren Quellen von Cohen wäre ich dankbar.)

18- Schechina (ähnlich wie das arab. Sekinah): das absolute Ruhen. Die Ruhe ist die ewige Urgrund der Bewegung. Durch das Sein der Ruhe soll das Sein der Bewegung möglich werden.

19- Auch in der Zeit keine Schranken: Jes. 44,6;48,12. (Im Koran existieren Beschreibungen wie „Al-Awwal“ der Erste und „Al-Akhir“ der Letzte). Ich der ewige verändere mich nicht —> Die Bedeutung des Seins als Beharrung.

20- Die Entstehung des Gott der Ethik: Die Natur ist gegenüber dem göttlichen Seins ein Nichts. Aus der Kausalität der Natur entsteht die Teleologie der Sittlichkeit.

21- Es kann aber keine zwei Regimente für die Welt geben, da es keine zwei gleichwertige Arten des Seins geben kann.

22- Die Einzigkeit schließt alle Vermittlung zwischen Gott und Natur aus, es gibt kein mittleres Sein.

23- Der Unterschied zwischen Einheit und Einzigkeit begründet den Unterschied von Dualismus und die Trinität mit dem Monotheismus, haben beide das Problem eines Seins außer dem göttlichen Sein.

24- Die jüdische Unsterblichkeit: der Geist kehrt zu Gott zurück. Die Materie bleibt ein vergänglicher Staub.

Fußnoten

  1. H. Cohen, Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums: Eine jüdische Religionsphilosophie, marix Verlag (2008).