Römer 41 – Skizzierung einer theozentrischen Theorie der Naturethik

Die Beziehung der Menschen zu der Natur ist noch nie öfter Gegenstand der Betrachtung gewesen als heute. Der menschliche Beitrag zur Verschmutzung der Umwelt wird von jugendlichen verurteilt, die sich über die sozialen Netzwerke zusammen finden und überall in der Welt dagegen protestieren. Menschen versammeln sich vor den Tierschlachthöfen und protestieren gegen Pläne zur Erweiterung ihrer Kapazität. In den letzten Jahrzehnten ist außerdem eine große Anzahl von moralphilosophischen Werken entstanden, die sich mit dem Thema Naturethik und vor allem Tierethik befassen. Die Klimaerwärmung ist nach wie vor im Zentrum der Umweltdebatten.

Dieser Zuwachs an Aktivität ist zum Teil der Verfügbarkeit der Informationen zu verdanken. Man könnte meinen, dass die Zunahme der wissenschaftlich ermittelten Fakten einen wesentlichen Anteil dieser Information darstellt. In Wirklichkeit konkurrieren sogenannte alternative Fakten mit den ersteren dermassen, dass die Verwendung von solchen unbegründeten Annahmen durch die Gesellschaft bis hin zu den hochrangigen Politikern nicht gescheut wird. Bei den letzteren wird dies sogar als neuartiger Führungsstil dargestellt und von der Masse gepriesen. Fakten beider Art sind also im Überfluss vorhanden und werden in den Debatten zur Naturethik eingesetzt.

Die grundlegenden naturethischen Gedanken trotz der vielen verfügbaren Informationen sind allerdings nicht neu. Sie bleiben vom Informationszeitalter unbeeinflusst und verändern sich kaum. Im innersten Kern, begründen sich die Grundprinzipien in der Gegenüberstellung von Mensch und der Natur.

Im vorliegenden Text begebe ich mich auf die Suche nach den Ursprüngen der Beziehung zwischen Mensch und der Natur. Schließlich untersuche ich, warum eine rein monotheistisch theozentrische Herangehensweise am besten als Grundlage einer holistischen Naturethik dienen kann. Gegen Ende wird der Titel des Aufsatzes erklärt.

* * *

In vielen Weltanschauungen werden die Menschen als Teil einer Schöpfung betrachtet. Den großen Einfluss in diesem Zusammenhang hatten aber Judentum, Christentum und der Islam, mit denen sich mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung identifiziert. Es ist daher sinnvoll, den Standpunkt dieser Religionen im Bezug auf die Beziehung zwischen Menschen und Natur zu untersuchen. Der besondere Platz des Menschen auf der Erde im Bezug auf die Natur wird in der Bibel deutlich gemacht:

Und Gott 1 sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 2

Aber auch im Koran existiert eine ähnliche Stelle, die in einer relativ milderen Sprache, dem Menschen ebenso eine besondere Rolle in der Schöpfungsgeschichte zuteilt:

Und Wir haben den Kindern Adams Ehre erwiesen; Wir haben sie auf dem Festland und auf dem Meer getragen und ihnen (einiges) von den köstlichen Dingen beschert, und Wir haben sie vor vielen von denen, die Wir erschaffen haben, eindeutig bevorzugt. 3

Unter den vielen Aspekten der Begegnung der Menschen mit der Natur sind die Rechte der Tiere besonders prominent, da diese unter den restlichen Naturerscheinungen eine sehr besondere Nähe zu den Menschen aufweisen. Im Bezug auf die Tiere untersucht Peter Singer diese religiöse und historische Auffassungen in der westlichen Tradition. 4 Er betont, dass aufgrund dieser Auffassungen die Menschen in der Lage sind, nichtmenschliche Tiere für Ihre Zwecke zu nutzen, sie zu domestizieren, um von ihnen zu profitieren oder sie zu verzehren. Um den Vorzug des Menschen gegenüber Tieren zu erklären, wurden mit der Zeit viele Erklärungsversuche unternommen, unter anderem, dass die Menschen Werkzeuge verwenden, diese herstellen oder das vielleicht wichtigste von allen: eine Sprache verwenden. Mit der Zeit und dem Fortschritt der Wissenschaft gelingt es uns immer mehr, diese Eigenschaften in ähnlichen Formen auch bei den Tieren zu erkennen. Alle bisherigen Erklärungsversuche scheitern in einer oder anderen Weise, so dass das Leid der Tiere nicht ignoriert werden kann, um ein menschliches Interesse zu berücksichtigen. Bei diesen Erklärungsversuchen handelt „es sich in Wirklichkeit um ein eigennütziges Vorurteil […] und nicht um eine vernünftige, moralisch begründete Auffassung“ 5

Wer dennoch in der Lage ist, nichtmenschliche Tiere zu benachteiligen aus dem einzigen Grund, dass sie eben nicht Menschen sind, ist Speziesist. Singer schreibt, dass die Folgen des Speziesismus in den modernen urbanisierten Gesellschaften sichtbar sind und sich letztendlich in der industriellen Massentierhaltung manifestieren, in der Tiere zu unwürdigen Bedingungen gezüchtet und gehalten werden, um anschließend in den Schlachthöfen zu enden. Dabei ist noch nicht die Rede von anderen Eingriffen der Menschen ins tierische Leben, wie Kastration, Trennung von Muttertieren und ihren Jungen, Brandmarkierung und Auflösung von Herden. 6

Schließlich ist der Mensch also doch nichts Besonderes. Anthropozentrismus ist wohl der Anfang allen Übels. Der Mensch soll in das Leben der Tiere nicht eingreifen und sich am besten vegan d.h. gänzlich pflanzenbasiert ernähren. Wer dazu in der Lage ist, hat seinen menschlichen Beitrag zu einer verantwortungsvollen Erhaltung der Natur geleistet. Klingt sehr einfach. Gleich hier liegt aber der erste Stolperstein, der uns zu einer weiteren Suche nach tiefgründigeren Lösungen leitet. Denn der Verzehr von tierischen Produkten ist nur die Spitzte des Problems. Im Laufe der Geschichte konnten Menschen niemals ohne Tiere auskommen. Die Entwicklung der Zivilisationen wäre ohne Tiernutzung undenkbar. Nicht nur als Nahrungsquelle dienten die Tiere den Menschen, sie spielten in vielen anderen Ebenen des menschlichen Lebens eine zentrale Rolle, wie beim Transport, bei der Landwirtschaft, bei der Verteidigung und selbst bei der Spiritualität, die denselben Zivilisationen Zusammenhalt gab, so dass sie mit der Zeit immer mehr gediehen.

Tiere waren schon immer ein Teil der menschlichen Evolution. Auf ihrem Entwicklungsweg sind Menschen durch Nutzung von Tieren soweit gekommen, wie sie bisher gekommen sind. In der Zeit, in der die menschliche Zivilisation noch in Gefahr war, könnte man sagen, man habe Tiere intensiv einsetzen müssen. Eine Notwendigkeit, die nicht mehr besteht, denkt man zumindest, da Menschen in ei-ner modernen Welt leben, in der sie vieles Notwendige für das Alltagsleben synthetisch oder auf Pflanzenbasis herstellen können. Was ist aber mit der Verwendung der Tiere in der Medizin? Auch wenn die modernen Methoden, wie die künstliche Intelligenz so viel versprechend sein mögen, sind Computersimulationen noch lange nicht in der Lage, Tierversuche zu ersetzen. Die Welt der Mikroorganismen ist viel zu komplex und das Verständnis über sie und über die pharmakologische Wirkung der Arzneimittel viel zu spärlich, um es als Basis für das Training der Algorithmen verwenden zu können. Sind Krankheiten denn nicht Gefahren, die immer noch ganze Zivilisationen auslöschen könnten?

Der nächste Schritt ist also zumindest anzuerkennen, dass es sich hier wohl um ein Optimierungsproblem handelt. In einem Optimierungsproblem wird oft das beste Ergebnis ins Visier genommen, während meistens nur die nächstbeste Lösung sich als Resultat ergibt, und zwar mit einer gehörigen Portion Glück. Angelehnt an der mathematischen Ausdrucksweise könnte man sagen, dass ein globales Optimum stets fern bleibt, während die Lösung von einem “lokalen” Optimum zum anderen springt, bei denen entweder die eine oder die andere Partei bevorzugt oder benachteiligt wird. In den extremen Fällen, wie das bekannte Trolley-Problem, fällt das Urteil immer zu Ungunsten der Tiere, wenn es darum geht zu entscheiden, ob entweder ein menschliches oder ein tierisches Leben zu retten ist. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass der Mensch sich einfacher vorstellen kann, wie es sich fühlt um das eigene Leben Angst zu haben, das gleiche aber nicht über die Tiere denken kann. Diese Vorstellung erweitert der Mensch, so dass er sich in der Lage versetzten kann, ähnliche Gefühle für nichtparadigmatischen Menschen zu entwickeln, vielleicht auch große Menschenaffen und Säugetiere, oder vielleicht auch Tiere mit großen Augen, die ihn an seine eigenen Säuglinge erinnern. Irgendwo hört aber das Mitgefühl auf und dieser Endpunkt ist vom Mensch zu Mensch anders.

Zum Glück sind solche extremen Fälle Ausnahmen, wenn überhaupt realistisch, so dass man in den meisten Fällen Regeln aufstellen und klare Grenzen definieren kann, wenn es um das Wohl der Tiere geht. In einer modernen und zumindest aus globaler Sicht betrachtet friedliche Gesellschaft, sollte dies möglich sein. Das Fleisch endet zwar nach wie vor in den Gyrosteller, der Weg dahin wird nun voller Würde, was den Umgang mit dem Tier angeht. Es ist plötzlich die Rede von glücklichen Kühen, die das Leben auf einer idyllischen Weide verbringen. Es wird über die angeblich humanen Methoden der Tierschlachtung diskutiert, schnell soll es gehen, damit das Tier “zumindest” nicht leidet, behauptet man, als würde man wissen wie das ist. Oder noch besser, die Vorteile der Weidenschlachtung aufzuzählen, bei der der Bauer täglich mit einem Gewehr in die Luft schießt, damit sich die Kühe an den Lärm gewöhnen, wie der Fluglärm zum Beispiel, um eines Tages doch einer Kuh in den Kopf zu zielen. Ohne Transport, ohne Stress, ganz human!

Die humanen Bedingungen sollen auch für die Legehennen gelten, die Käfighaltung wird nicht mehr geduldet, so dass Hühnerei in Massen produziert werden kann, auch wenn die Brutbetreiber auf den Kosten der Boden- und Freilandhaltung sitzen müssen. Aber was ist mit den männlichen Kücken?

Jedes Jahr werden allein in Deutschland rund 45 Millionen männliche Küken kurz nach der Geburt getötet. Das darf auch vorerst so bleiben, urteilte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Die Richter hatten abzuwägen, ob Brutbetrieben die Aufzucht der Tiere wirtschaftlich zuzumuten oder ob das Töten der Küken ethisch vertretbar ist. Das Ergebnis: Die wirtschaftlichen Interessen der Brütereien seien zwar allein kein vernünftiger Grund im Sinne des Tierschutzgesetzes. Bis Alternativen zur Verfügung stünden, sei die Fortsetzung der Praxis aber noch rechtmäßig. 7

Es wird also nicht in Frage gestellt, warum eine ganze Industrie um die Massenproduktion des Hühnereies entstanden ist, mehr hat man die Sorge, dass das Interesse der Brutbetreiber in Gefahr steht. Bei diesen Eiern und ähnlich auch bei der erzeugten Milch in Milchbauernhöfen mit mehreren Hundert Kühen, geht es sich vielleicht weniger um das Glas Milch oder das Frühstücksei, als um die horrende Herstellung der Zutaten für die Lebensmittelindustrie. Ich frage mich immer noch, was Milchpulver als Zutat in Kartoffelchips verloren hat. Wir haben also mit der genannten Abwägung im Richterurteil mit einer lokalen Optimierung zu tun, bei dem die Kücken dieses mal leer ausgingen.

In dieser Optimierungsebene ist vielleicht das Angeln mit einem Haken vielleicht die edelste Methode, um ans tierische Fleisch heranzukommen. Hier überfällt man das Tier nicht aus heiterem Himmel, aus der Entfernung mit einem Kugelschuss, oder der Harpune, domestiziert man es nicht jahrelang qualvoll oder bereitet man ihm nicht eine Falle oder ein Netz auf seinem Wege zur Brut, in dem es unwissend stecken bleibt. Die pflanzliche oder künstliche Beute am Haken ist für den Fisch nur eine Art “Empfehlung” und kein Zwang anzubeißen. Wer schon einen “Ansitz” gemacht hat, weiß wie viele Stunden oder gar Tage vergehen können, bevor das Anglerglück in Erfüllung geht. Die Beute am Haken bleibt unangetastet, meistens weil der Fisch entweder keinen Hunger, oder kein Interesse hat. Manche “erfahrene” Fische erkennen die Beute sogar als solche, beißen entweder gar nicht, oder probieren sie sachte vorher. Das lange Warten erweckt die Wertschätzung für den Fang und führt dazu, dass der geangelte Fisch nicht verschwenderisch behandelt wird. Unter der Einhaltung der Schonzeiten (Brutzeiten) und Schonlängen (Alter vom Fisch) ist dies ein Beispiel dafür, dass man sich auf einer Optimierungsebene bewegen kann, ohne sie jemals verlassen zu können. Denn früher oder später muss der Fisch “fischwaidgerecht bearbeitet” werden, und das ist ganz und gar nicht in seinem Sinne. Eine richtige Alternative zu diesem lokalen Optimum wäre eine mit einem anderen Ausgang. Anderseits muss der Angler geduldig sein und sich in der Wartezeit anderweitig ernähren. Das würde im großen Still auch nicht funktionieren.

Das Optimierungsverfahren kann unter umständen funktionieren. Es beschreibt einen statischen Zustand, einen Ruhepunkt auf dem Suchweg nach idealen Bedingungen. Das Problem dieser Optimierung liegt aber in ihrer dynamischen Natur, weil das Verlassen eines lokalen Optimums nicht ohne Weiteres von dort aus möglich ist. Alle Belege und Aussagen haben mit ihrer maximalen Entfaltung dazu geführt, an diesem Punkt zu gelangen. Ein Sprung zu einem anderen, vielleicht besseren Optimum, ist von hier aus nicht ohne Weiteres möglich. Eine externe Referenz ist nötig, um einen Sprung zu ermöglichen. Einen anderen Grund, aufgrund dessen das Richterurteil anders fallen sollte. Dieser externe Grund ist wie ein Magnet, dass die Lösung aus dem gefangenen Zustand im lokalen Optimum, d.h. eine Abwägung zwischen Leid und Wohl mehrerer Parteien, herauszieht. Da das absolute Optimum aber kaum erreicht werden kann, fällt das Urteil dann in ein anderes lokales Optimum, mit einer Abwägung zugunsten oder zu Ungunsten anderer Parteien, anders als der erste Fall. Das passiert, wenn die Beweggründe keine großen Reichweiten haben. Die Beweggründe, die wie eine Anziehungskraft auf die Urteile wirken, müssen also einen gravierenden Abstand zu denen haben, damit eine ständige Verbesserung möglich ist. Das Erreichen einer Lösung zu Gunsten aller Parteien bleibt eine Utopie, so dass es naheliegend ist, den Verbesserungsprozess selbst als laufendes Ziel zu definieren.

Im nächsten Schritt begeben wir uns auf die Suche nach einem solchen universellen Beweggrund, der uns bei unseren Urteilen immer als Prüfstein zur Seite steht. Nun, eine holistische Haltung gegenüber der Natur würde in der Tat eine solche Qualität aufweisen. Bei einem holistischen Ansatz wird die Natur als Ganzes betrachtet. Nicht das Ziel eines jeden Bestandteils der Natur ist im Fokus, sondern das Ziel der Gesamtheit dessen. Anstatt die Vorzüge eines jeden Bestandteils der Natur als Ziel zu setzen, werden möglichst globale Ansätze gesucht. Dies hat den Vorteil, dass weniger Gefahr besteht, in weniger effizienten lokalen Lösungen sitzen zu bleiben. Der Versuch, eine Gesamtheit zu erfassen, bringt zwar das absolute Optimum nicht notwendigerweise in die Nähe, dient aber als eine Voraussetzung dafür. Denn nur wer lokal nicht stehenbleibt, kann das globale Optimum erreichen. In welcher Art der holistischer Ansatz kurz kommen kann, wird in Kürze aber klar werden. Nichtsdestotrotz ist dieser Meilenstein notwendig, um die weitere Suche fortzusetzen.

Einige erste Gedanken zu einem holistischen Ansatz macht Paul Taylor, der zwei Begriffe aufzählt, sprich den Begriff des Wohls eines Lebewesens und die Idee einer Entität, die einen inhärenten Wert besitzt. Das Wohl eines Organismus, menschlich oder nicht, kann so vorgestellt werden, in dem er seine biologischen Kräfte vollständig entfalten kann, obwohl diese Definition weder damit deckungsgleich gemacht werden muss, ob er empfindungsfähig ist, noch ob er Schmerzen fühlen kann. Eine Entität, die ein eigenes Wohl besitzt, kann man nur dann als Träger eines inhärenten Wertes betrachten, wenn man sie als Angehörige der Gemeinschaft der Lebenden moralisch berücksichtigt. So ist die Verwirklichung des Wohls der Mitglieder dieser Gemeinschaft an sich selbst, d.h. intrinsisch wertvoll. Die Wahrnehmung des inhärenten Wertes der Lebewesen manifestiert sich in eine bestimmte moralische Grundhaltung gegenüber der natürlichen Welt. Man verpflichtet sich auf bestimmte normative Grundsätze, in dem man sich die Achtung gegenüber der Natur zu der moralischen Grundeinstellung macht. 8

Ähnliche Ansätze finden sich in den Werken anderer Philosophen. In seinem Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben platziert Albert Schweitzer das Leben als das höchste Gut der Lebewesen. 9 Die Menschen sollen unter keinen Umständen den Tieren unnötiges Leid zufügen und jedes Mal sich darüber klar werden, wenn es darauf ankommt, dass ein Tier leiden muss, dabei soll er nie aufgeben und nie “müde” werden. Diese Haltung muss den Menschen zu einer Grundgesinnung werden, “die den Menschen überall Sittlichkeit bewähren lässt” 10.

In ähnlicher Weise, zentriert Holmes Rolston seine universelle Naturethik um den Begriff der Wehrhaftigkeit in dem er beschreibt, dass Menschen, Tiere, Organismen, Spezies und zu guter Letzt auch die Natur werthaft sind. 11 Dabei sind diejenigen Dinge werthaft, die in der Lage sind Werte zu produzieren, ungeachtet dessen, dass es vielleicht nur den Menschen vorbehalten sein mag wertend zu sein. 12 Die Menschen schließen sich der Naturgeschichte physiologisch an und als vielleicht ungebetener Gast, ändern sie ihre Werte nicht, Werte die von sich aus nicht subjektiv sind. 13

Allen holistischen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie eine starke Position gegen Anthropozentrismus aufweisen. Das ist aber nicht ausreichend. Damit er gelingt, muss der holistische Ansatz auch einen globalen Blickwinkel haben, denn sonst mangels des Vermögens sich über alle Teilgebiete der Natur bewusst zu sein, verfällt der Mensch schlicht in eines der attraktivsten lokalen Optima, etwa in Biozentrismus. Das verweilen in diesem lokalen Optimum bereitet dem Menschen eine langanhaltende Zufriedenheit und beschäftigt Generationen von Denkern, so dass sie kaum auf die Idee kommen, dass selbst der biozentrische Ansatz nicht ausreichend ist, um das Problem der Beziehung der Menschen zur Natur anzugehen. Einigen Anwendungsgebieten aus der Zukunft können diese Ansätze auch nicht gerecht werden, in denen das Leben und die Natur nicht in ihren klassischen Definition erscheinen. Als Beispiel können komplexe Systeme mit künstlicher Intelligenz oder durch Menschen konstruierte Lebensformen 14 genannt werden.

Gibt es einen holistischen Ansatz, der wenn er angewendet wird, in der Lage ist über alle Grenzen zu umfassen, was existiert? Einen, der von Biozentrismus selbst befreien kann? Ja, es gibt ihn und zwar genau im selben Ort, in dem der Anschein war, dass das tiefste Übel, d.h. der Anthropozentrismus, haust, nämlich in der Schöpfungsgeschichte der Menschen:

Er hat die Himmel und die Erde in Wahrheit erschaffen. Erhaben ist Er über das, was sie (Ihm) beigesellen. 15

Und dann:

Dann schufen Wir den Tropfen zu einem Embryo, und Wir schufen den Embryo zu einem Fötus, und Wir schufen den Fötus zu Knochen. Und Wir bekleideten die Knochen mit Fleisch. Dann ließen Wir ihn als eine weitere Schöpfung entstehen. Gott sei gesegnet, der beste Schöpfer! 16

In diesen und in vielen ähnlichen Versen des Korans wird es eindeutig, dass der Mensch als eine Schöpfung eine große Gemeinsamkeit mit den sonstigen Geschöpfen in der Natur hat. Der Mensch ist eben nur eine weitere Schöpfung. Freilich gibt es da auch Unterschiede:

Wenn Ich ihn geformt und ihm von meinem Geist eingeblasen habe, dann fallt und werft euch vor ihm nieder. 17

Der Mensch hat im Gegensatz zu den anderen Geschöpfen Attribute, die im geringen bzw. gewissen Masse den Attributen Gottes ähneln. In der Bibel ist er nach Seinem Abbild gemacht worden, im Koran hat er von Seinem Geist erhalten. In jedem Falls sollte der Mensch weniger diesen glücklichen Anlass grundlos feiern und sich als König des Landes und der Meere huldigen, als den tiefsten Sinn desselben zu erforschen. Der Mensch ist im gegebenen Rahmen schöpferisch und damit hat er auch im gegebenen Rahmen freien Willen, denn die Schöpfung und der freie Wille gehen immer zusammen:

Er ist der Schöpfer der Himmel und der Erde. Wenn Er eine Sache beschlossen hat, sagt Er zu ihr nur: Sei!, und sie ist. 18

Diesen Willen manifestiert der Mensch einerseits als Wille zur Macht (Nietzsche) anderseits als Wille zum Leben (Schopenhauer). Er findet Wege und Auswege, zersetzt, kombiniert, errichtet und vernichtet, um dem ersteren oder dem letzteren Genüge zu tun. Er genießt eigene Schöpfungen in der Musik, Plastik und in der bildenden Kunst. Eben durch diese schöpferische Tätigkeiten erkennt er die Grenzen derselben und ahnt die Dimensionen der unendlichen Schöpfung. Er versteht, dass nur ein Sein, das Eine und das Einzige Sein Gottes, der Urgrund unendlicher Schöpfung sein kann. Gott ist der Urgrund allen Daseins.

Wir gehören Gott, und wir kehren zu Ihm zurück. 19

Alles Dasein sucht sein Ziel in Ihm und wird von Ihm angezogen. Alles bewegt sich zu Ihm. Alles Leben lebt mit Ihm.

Wahrlich, Wir allein machen wieder lebendig und lassen sterben. Und zu Uns führt der Lebensweg. 20

Der Blick zu Gott als Zentrum und Telos allen Daseins, hält den Menschen in Bewegung, hinein in und hinaus aus den lokalen Optima. Er begründet nicht nur die Ehrfurcht vor dem Leben sondern auch die Ehrfurcht vor der Schöpfung und damit die Ehrfurcht vor dem Sein.

Somit ist Gott der Urgrund aller holistischen Ansätze in der Beziehung der Menschen zu der Natur. 21 Dieser theozentrische Ansatz der Naturethik kann angewendet werden, dort wo andere Ansätze kurz kommen. Er kann dem Menschen aber auch ein ständiger Begleiter auf seinem Lebensweg sein, wenn es darum geht mit sich selbst (Gesundheit), mit anderen Menschen (Moral), mit Tieren (Tierethik), mit der Umwelt (Umweltethik) oder überhaupt allem was da ist, in Beziehung zu treten.

* * *

Die holistische Herangehensweise ist nicht anders als die sonstigen Abwägungen und teilt mit ihnen die gleichen Probleme. Das Problem der Ungerechtigkeit bliebt aus der Sicht einer Partei für hier und jetzt bestehen, und wer in einer Abwägung irreversibel benachteiligt wurde, kann nicht mit dem Versprechen einer besseren Zukunft getröstet werden.

Durch seinen eigenen Willen und seine Kraft zur Schöpfung ist der Mensch in der Lage in allen Ebenen seiner Entscheidungen über seine Beziehung zu der Natur den richtigen Ansatz zu wählen. Daher versucht der Mensch, in jeder Ebene der Entscheidung das Größte auszuschöpfen, was sich unter den gegebenen Umständen machen lässt und er gibt nicht nach. In jeder Ebene lebt er seine Verantwortung in voller Kraft aus. Um die Tierwelt zu respektieren, ernährt er sich pflanzenbasiert ohne “wenn und aber”, gleichzeitig respektiert er auch die Pflanzenwelt und beschützt diese. Er macht alles was er kann, damit er zu den lokalen Optima kommt, bleibt aber dort nicht stehen. Er lässt sich von den holistischen Ansätzen leiten, damit er sich immer in einem ständigen Verbesserungsprozess befindet.

Den theozentrischen Gedanken behält er stets im Hintergrund, als Bake der Hoffnung, damit er weiter im Fluss bleibt, wo er sonst nicht kann. Er tut alles was er kann, von sich aus, von seiner schöpferischen Kraft und von seinem eigenen Willen, versteht aber, dass nur mit Gottes Hilfe möglich ist der Natur gerecht zu werden. Alles, was er unter seine Kontrolle hat, muss er in voller Kraft durch seine menschliche Schöpfungskraft und seinen Willen ausleben, sonst muss er die Konsequenzen tragen. In Römer – 41 22 wird dies so dargestellt:

Unheil ist auf dem Festland und auf dem Meer erschienen aufgrund dessen, was die Hände der Menschen erworben haben. Er will sie damit einiges kosten lassen von dem, was sie getan haben, auf daß sie (dann) umkehren. 23

Somit entwickelt der Mensch ein tiefgründiges Verständnis von seinem Platz in der Natur, und versteht er ihn zu schätzen.


Fußnoten

  1. Dass für Gott männliche Konstrukte in der Sprache verwendet werden, ist ein Artefakt aus den semitischen Sprachen, das mit der Verbreitung des Monotheismus in die Welt derart populär geworden ist, dass alle verwendeten Attribute für Gott in einer oder anderer Weise männlich sind (wie z.B. Vater, König, Rächer, etc.). In vielen geschlechtsneutralen Sprachen (wie Persisch) ist Gott (wie alles andere auch) weder weiblich noch männlich. Gottes Wesen ist rein von der Anhaftung menschlicher Vorstellungen. So kann zum Beispiel beobachtet werden, dass in der mystischen Literatur und Poesie in der persischen Sprache, auch die sonst weibliche Attribute für Gott verwendet werden können, ohne aus Gott eine Göttin zu machen. Im vorliegenden Text verwende ich den üblichen Standard der Gottesbezeichnung in der deutschen Sprache.
  2. 1. Mose 26
  3. A. Th. Khoury, Der Koran (arab./dt.), Gütersloher Verlagshaus, 2001 Gütersloh, 17:70

    وَلَقَدْ كَرَّمْنَا بَنِي آدَمَ وَحَمَلْنَاهُمْ فِي الْبَرِّ وَالْبَحْرِ وَرَزَقْنَاهُم مِّنَ الطَّيِّبَاتِ وَفَضَّلْنَاهُمْ عَلَىٰ كَثِيرٍ مِّمَّنْ خَلَقْنَا تَفْضِيلًا.

  4. Peter Singer, Ethik und Tiere. Eine Auswertung der Ethik über unsere eigene Spezies hinaus, in Tierethik – Grundtexte, herausgegeben von Friederike Schmitz, Suhrkamp Verlag Berlin 2014.
  5. ebd. 81.
  6. ebd., 86.
  7. Tagesschau, Bundesverwaltungsgericht: Kükentöten bleibt vorerst erlaubt, 13.06.2019.
  8. vgl. Paul W. Taylor, Die Ethik der Achtung gegenüber der Natur, in: Naturethik – Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoethischen Diskussion, herausgegeben von Angelika Krebs, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997, s. 114 – 118.
  9. vgl. A. Schweitzer, Kulturphilosophie, Bd. 2: Kultur und Ethik. Verlag Beck München 2007. Kapitel 19 bis 21.
  10. A. Schweitzer, Was sollen wir tun?, Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1986, s 39.
  11. vgl. H. Rolston, Werte in der Natur und die Natur der Werte, in: Naturethik – Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoethischen Diskussion, herausgegeben von Angelika Krebs, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997, s. 247 – 270.
  12. vgl. ebd., 269.
  13. vgl. ebd., 270.
  14. Es ist nicht möglich in so einem kurzen Text über die künstlich erzeugten Organismen zu schreiben. Daher wird hier an die einschlägige Literatur verwiesen. Die Webseite der Build-A-Cell Kollaboration enthält ebenso interessant Informationen diesbezüglich: http://buildacell.io/
  15. A. Th. Khoury a. a. O., 16:3

    خَلَقَ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضَ بِالْحَقِّ، تَعَالَىٰ عَمَّا يُشْرِكُونَ.

  16. ebd., 23:14

    ثُمَّ خَلَقْنَا النُّطْفَةَ عَلَقَةً فَخَلَقْنَا الْعَلَقَةَ مُضْغَةً فَخَلَقْنَا الْمُضْغَةَ عِظَامًا فَكَسَوْنَا الْعِظَامَ لَحْمًا ثُمَّ أَنشَأْنَاهُ خَلْقًا آخَرَ، فَتَبَارَكَ اللَّـهُ أَحْسَنُ الْخَالِقِينَ.

  17. ebd., 15:29 und Wiederholung in ebd. 38:72: Gott befiehlt den Engeln, den Menschen zu respektieren.

    فَإِذَا سَوَّيْتُهُ وَنَفَخْتُ فِيهِ مِن رُّوحِي فَقَعُوا لَهُ سَاجِدِينَ.

  18. ebd., 2:117

    بَدِيعُ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضِ وَإِذَا قَضَىٰ أَمْرًا فَإِنَّمَا يَقُولُ لَهُ كُن فَيَكُونُ.

  19. ebd., 2:156

    إِنَّا لِلَّـهِ وَإِنَّا إِلَيْهِ رَاجِعُونَ.

  20. ebd., 50:43

    إِنَّا نَحْنُ نُحْيِي وَنُمِيتُ وَإِلَيْنَا الْمَصِيرُ.

  21. Rolston kommt dieser Auffassung an einer Stelle sehr nahe, “Vielleicht ist die Erde der Urgrund aller Pflicht, Gott, wenn er existiert, ausgenommen.” vgl. H. Rolston, a. a. O., 268.
  22. Gemeint ist das Kapitel “Ar-Rum” im Koran, mit der Bedeutung “der Rom”, oder präziser “der Ostrom”. Es handelt sich hier um eine Metonymie, so dass damit eigentlich die Menschen im römischen Reich gemeint sind. In Anlehnung an das gleichnamige Buch in der Bibel, das allerdings in keinem seiner Kapitel 41 Verse hat, hat sich der Verfasser für die Übersetzung “Römer” entschieden.
  23. A. Th. Khoury, a. a. O., 30:41

    ظَهَرَ الْفَسَادُ فِي الْبَرِّ وَالْبَحْرِ بِمَا كَسَبَتْ أَيْدِي النَّاسِ لِيُذِيقَهُم بَعْضَ الَّذِي عَمِلُوا لَعَلَّهُمْ يَرْجِعُونَ.

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