Erziehung fremder Kinder? Wie geht das?

Im vorliegenden Text untersuche ich die Rolle der anderen, also der Nicht-Eltern in der Erziehung der Kinder. Die Tatsache, dass alle Menschen in der Gesellschaft d.h. in der Umgebung, in der Kinder aufwachsen in einer oder anderen Weise für deren Erziehung verantwortlich sind, wird heutzutage nicht ausreichend berücksichtigt. Das liegt an der modernen bzw. urbanen Lebensweise, die eine gewissen Entfremdung mit sich bringt.

Ein angeblich altes afrikanisches Sprichwort sagt, dass ein Dorf nötig sei, um ein Kind großzuziehen, nicht nur Eltern. Heutzutage wird die ideale Dorfgemeinschaft durch Verwandte und Nachbarn ersetzt, was an sich auch in Ordnung ist, denn die Größe einer Stadt würde den Rahmen der Aufgabe sprengen. Nichtsdestotrotz werden Kommentare bezüglich der Erziehung fremder Kinder als unerlaubte Einmischung betrachtet und daher grundsätzlich nicht gerne gesehen, zumal dass eines der Vorteile einer urbanen Gesellschaft überhaupt die immanente Anonymität ist, mit der auch eine gewisse Gleichheit und damit auch Aufstiegschancen möglich sind.


Im Folgenden verwende ich stets das Wort “Erziehung” da ich die modernen Begriffe wie “Begleitung” und deren Varianten für unzureichend halte. Der Unterschied zwischen Erziehung und Begleitung ist ein gravierender, was heutzutage im Zuge des Fortschritts der pädagogischen Wissenschaften ein flüchtiges Dasein erfahren hat, und bald, wie viele andere Begriffe, die die Soziologen im letzten Jahrhundert haben ersetzen können, verschwinden wird. Dies belasse ich aber für ein anderes Mal.


Bei der Erziehung handelt es sich im Allgemeinen in der Tat um eine Art Einmischung, genauer gesagt, eine intellektuelle Einmischung, mit dem anfänglichen Ziel ,eine Verbesserung des Verhaltens der Person aus der Sicht des Ratgebers hervorzurufen. Für die weitere Analyse betrachten wir diese intellektuelle Einmischung genauer. Den Einfluss der umgebenden Personen auf die Erziehung der Kinder kann man grundsätzlich in 3 Kategorien auflisten:

KAT 1:
Gefahrensituation: Beispiel: das Kind ist auf der Klippe, würde gleich hinunterfallen. Das Kind ist im Wasser,kann nicht schwimmen. Es muss gerettet werden, d.h. aus der Gefahrensituation,entfernt werden.

KAT 2:
Ermutigend bzw. informierend. Beispiel: dem Kind wird ein neuer Mathematiktrick beigebracht, es werden ihm Lebensweisheiten, Geschichten, Theologie, Tradition, Wissen beigebracht etc.

KAT 3:
Verbietend. Beispiel: das Kind ist dabei, einen Schaden gegen eine Person zu errichten (z.B. ein anderes Kind mit der Schaufel zu hauen) bzw. hat bereits errichtet, oder eine Sachbeschädigung zu verursachen (auf die Scheibe zu hauen, Auto kratzen etc…) ihm wird gesagt, es soll das Hauen lassen und damit aufhören.


Wie bereits erwähnt, sind die Menschen in der Umgebung des Kindes im Grunde verantwortlich für die Durchführung aller dieser drei Kategorien oben. Die Wichtigkeit dieser Aussage kann nicht genug betont werden, allerdings existiert eine hierarchische Struktur der Verantwortlichkeit, an deren Spitze die eigenen Eltern positioniert sind. So lange diese vorhanden und vor allem anwesend sind, sind diese Aufgaben vorzugsweise von ihnen durchzuführen, denn es ist im Sinne der natürlichen Evolution und praktisch ein Grundrecht der Eltern, die Kinder nach ihrem Verstand zu erziehen und dementsprechend die Zukunftschancen aus ihrer Sicht für ihr Kind zu verbessern. Wie baut sich nun der Bezug dieser hierarchischen Struktur für die Menschen in der Kindesumgebung, die nicht die direkten Eltern der Kinder, sind auf?
Die Aufgaben der KAT I bieten wenig Stoff für eine Diskussion, da sie die sehr einfach zu behandeln sind. In der Gefahrensituation muss das Kind sofort gerettet werden unabhängig davon, ob die eigenen Eltern anwesend sind oder nicht. Wenn die Eltern da sind und aktiv werden, muss noch zusätzlich geholfen werden. Das Kind muss gerettet werden, damit ihm nichts passiert. Mit der “Rettung” ist die rein physische gemeint und nicht die intellektuelle Variante, die manchmal durch religiöse Gruppen verwendet wird, z.B. Rettung durch Jesus etc…


Die Aufgaben der KAT 2 sind grundsätzlich den eigenen Eltern zu überlassen, es sei denn, man ist von diesen beauftragt worden, diese Erziehungsarbeit durchzuführen. z.B. Klavierlehrer, Fußballtrainer, oder Sexualunterricht in der Schule. Außerhalb dieser gesetzmäßigen, praktisch vertragsbasierten Vereinbarung sollte man sich nicht von dem Grundgedanken leiten lassen, man sei berufen,anstelle der Eltern diese Arbeiten durchzuführen.


Die Aufgaben der KAT 3 können ebenso wie KAT 1 und KAT 2 sowohl in Anwesenheit als auch in der Abwesenheit der eigenen Eltern durchgeführt werden. Während die Abwesenheit der Eltern keine weiteren Diskussionen übrig lässt, d.h. es ist klar, dass die 3. Person eingreifen kann, sind die Arbeiten im Falle der Anwesenheit der eigenen Eltern schwieriger. Diese sollten im Prinzip wiederum vorzugsweise von ihnen durchzuführen und nicht durch die 3. Person. Freilich leuchtet der Grund dafür ein, wenn man bedenkt, dass verbietende Ratschläge für Groß und Klein unangenehm zu hören sind und der Empfänger im Regelfall eine gewisse ad-hoc Resistenz dagegen aufbauen kann. Die verbietenden Ratschläge verlieren ihre Kraft wenn eine 3. Person sie ausspricht, da erstens für die Kinder nach wie vor die Eltern die höchste Autorität besitzen. Die Kinder verzweifeln an die Richtigkeit des Verbots, wenn sie beobachten dass eigene Eltern diesbezüglich reaktionslos geblieben sind, während eine 3. Person sich meldet. Dies führt dazu, dass das Kind diese konkrete Problematik nur mit der 3. Person in Verbindung setzt, während ihm ein allgemeines Verständnis für die Falschheit seiner Taten ausbleibt. Kurz, das Kind nimmt das Anliegen nicht ernst, und selbst wenn es temporär das Fehlverhalten sein lässt, wiederholt es dieses in der Zukunf erneut.


Im Falle der KAT 3 in Anwesenheit der eigenen Eltern verbirgt sich eine weitere Unannehmlichkeit, nämlich diejenige, die eigenen Eltern des Kindes erfassen eine Berichtigung eines Fehlverhaltens oder eines Verbots an ihrem Kind als einen indirekten Angriff auf ihr eigene Kompetenz. Es wird in der Art erfasst, als würde die 3. Person unterstellt haben, dass das Verständnis bei den Eltern fehle, so dass in der Folge ein so offensichtliches Fehlverhalten von ihnen geduldet werde. Manche Eltern können in Folge dessen, eine defensive gegen der 3. Person aufbauen. Das Resultat der genannten Analyse zur KAT 3 ist so, dass die Menschen in der Umgebung des Kindes während der Anwesenheit ihrer Eltern sich an die Eltern melden anstatt das Kind direkt anzusprechen.


Nun kommen wir zu einigen konkreten Beispielen, mit zwei Fantasiepersonen, Augusta und Berenike.

Fall 1:
Augustas Kind spielt im Garten und nähert sich dem heißen Grill voll mit glühender Kohle. Berenike beobachtet die Situation, erkennt KAT 3 meldet es der Augusta mit der Warnung: “Augusta, der Grill ist sehr heiß!” Augusta beobachtet das Kind, reagiert aber nicht, womöglich erkennt sie dabei die Situation als KAT 2, d.h. als “eigenes Erziehungssystem”. Das Kind nähert sich noch mehr. Die 2. Warnung von Berenike kommt, Augusta ignoriert wieder, womöglich zielt sie darauf, dass das Kind die Hitze des Grills selbst “erfahren” kann und damit den Begriff “heiß” verstehen kann, wiederum KAT 2, eigenes Erziehungssystem. Berenike muss das nicht verstehen, aber sie muss es als KAT 2 den Eltern der Augusta erlauben.
Das Kind ist jetzt schon am Grill und möchte den Grill greifen. Berenike weiß dass der Grill sehr heiß ist, dass er einen Greifreflex verursachen könnte, dass im ungünstigsten Fall den Handgriff des Kindes, während es seine Hand zurückzieht, den Grill samt Inhalt noch zusätzlich auf seinem Körper ziehen könnte. Berenike erkennt eine Gefahrensituation als KAT 1, eilt hin und “rettet” das Kind vor der Gefahr mit unbekanntem Ausmaß, und bringt das Kind in Sicherheit.

Fall 2:
Berenikes Kinder übernachten bei Augusta, sie fühlt sich berufen, allen Kindern (ihren eigenen Kindern + die von Berenike) Videos auf dem Computer vorzuspielen, die die Geburt eines Kindes zeigen, wohlwissend,
dass solche Videos für Kinder unter 10 Jahren nicht geeignet sind. Oder, sie schaut selbst solche Videos, schaltet sie aber nicht ab, wenn eigene Kinder und anschließend die Kusinen den Raum betreten, so dass alle Kinder nun zuschauen. Sie erkennt dabei KAT 2 und sieht ihr Recht, ihre eigenen jungen Kindern über die Geburt aufzuklären, vergisst sie aber, dass sie keinen Auftrag diesbezüglich von Berenike erhalten hat, zumindest was Berenikes Kinder angeht. Berenike findet es erst später heraus, als ihre Kinder später schockiert über die Tageserlebnisse berichten. Berenike findet den Vorfall nicht angenehm.

Fall 3:
Augustas Kinder hauen auf Berenikes Klavier. Berenike erkennt KAT 3 (Anwesenheit eigene Eltern) und erwähnt, dass die Tasten des Billigklaviers aus Plastik seien und unten brechen würden (wie schon mehrmals passiert).Die Kinder machen weiter, die Eltern reagieren nicht, Berenike muss selbst ins Zimmer gehen und die Kinder darum bitten, damit aufzuhören. Die Kinder hören temporär auf, weil sie den Hinweis einer 3. Person nicht ernst nehmen, fangen sie erneut wieder an.

Fall 4:
Augustas Kind übernachtet bei Berenike. Es macht irgendetwas, z.B. ist laut oder möchte nicht ins Bett gehen, obwohl es zu spät ist. Eigene Eltern sind nicht da. Berenike erkennt KAT 3, spricht das Kind direkt an. Das Kind nimmt den Hinweis ernst und befolgt ihn sofort.

Fall 5:
Kinder rennen im Restaurant, teilweise ziemlich nah an den Tischen von anderen Gästen vorbei, die gerade eine Mahlzeit zu sich nehmen. Die Gäste sind mittlerweile nervös. Berenike erkennt KAT 3 für ihre eigenen Kinder, ruft sie und bespricht das Thema mit ihnen. Inzwischen springt Augustas Kind und landet lautstark direkt neben dem Tisch des anderen Gasts. Der Gast ist nun sehr verärgert. Berenike sieht die Situation, erkennt KAT 3 für Kinder mit anwesenden Eltern und fragt Augusta, ob sie nichts unternehmen möchte. Anstatt die Problematik zu erkennen, wie die KAT 3 prophezeit hat, geht Augusta in die Defensive, zeigt sich verärgert über Berenikes Kommentar.


Fazit ist, dass die Erziehung der Kinder wohl immer ein aktuelles Thema der Diskussionen bleiben wird. Die Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Auffassungen sein können, was das Thema Erziehung betrifft. Besonders das Beheben der Fälle in der KAT 3 ist grundsätzlich schwierig, sobald des Kindes eigene Eltern anwesend sind. Es wird vielleicht niemals eine konkrete Klarheit geben. Wir können aber sehr gut miteinander leben, wenn wir die genannten Kategorien verstehen, unsere Grenzen innerhalb derer erkennen (z.B. das Verhalten in der KAT 2), und so viel ,wie in unserer Kraft liegt, diese, und damit uns gegenseitig zu respektieren.

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