LISA

Philosophie und Literatur: Auf der Suche nach einem gemeinsamen Ursprung

Eine philosophische Kurzgeschichte (Fiktion)

Gleis 2, 14.30 Uhr. Der vorige Zug nach Koblenz ist ausgefallen. Ich lege den Rucksack neben mir hin und setze mich. Ich versuche, die Nachmittagssonne an diesem Novembertag zu genießen. Die Sonnenstrahlen scheinen durch die Äste eines Baumes hindurch, im Hintergrund fließt der Rhein. Ich verliere mich in Träumen, während ich die letzten Megabytes meines monatlichen Datenvolumens dafür verbrauche, ein weiteres Mal Vivaldis Sileant Zephyri zu streamen. [1]

Das ganze Stück ist ein Seufzer über Vergangenes, Verpasstes und Verlorenes. Der Kummer ist zu groß, um ihn allein zu tragen, „lasset“ also „die Winde ruhen, lasset die Felder frieren, lasset den langersehnten Regen nicht die Blätter und Blumen tränken, der Fluss ist tot und dem Mond und der Sonne sind das Licht entzogen“ [2]. Jede Achtelnote sitzt mit voller Kraft bestätigend in Oktavenabstand. Den Zorn über den Verlust spüre ich – ein Zorn mit Lebensenergie. Im Ende des Vergangenen ist ein Anfang verborgen, der nur durch Andenken und Erinnern aufgedeckt werden kann, durch Nichtvergessen, durch Nicht-wieder-soweit-kommen-Lassen. Für den Lateinleien in mir ist der Gesang des Kontratenors kaum von einem anderen Instrument zu unterscheiden. Wortteile ziehen sich über mehrere Dreivierteltakte, um schließlich dort zu enden, wo ich es nicht erwarte. Das Adagio fesselt mich jedes Mal bis zum letzten inversen Akkord in der Schlusskadenz.

Ich hatte es doch nicht geschafft, mich hinauszuschleichen, ohne dass mich Norbert bemerkte. Mit breitem Lächeln kam er vorhin zu mir, als ich das Kongresszentrum mit gesenkten Augen verlassen wollte. „Du gehst! Denkst du noch an den Beitrag?“ nickte er. „Klaro! Melde mich!“, antwortete ich lakonisch und sagte: „Sorry, muss die letzte Session verpassen, sonst habe ich eine schlechte Verbindung nach Frankfurt heute Abend.“ Er zog seine Augenbrauen hoch. „Schade, du verpasst was!“

Klar ist natürlich nichts. Ich habe mir über den Beitrag so gut wie keine Gedanken gemacht und ausgerechnet mir gibt er die Aufgabe, das einleitende Essay für das Tagungsbuch zu schreiben. Eine Aufgabe, die eigentlich längst fällig wäre, denn der Verlag hatte schon das Einreichen der einzelnen Berichte in den einzelnen Sektionen mit einer harten Abgabefrist und einer obligatorischen Vorlage forciert. Es flossen nur noch Erinnerungsmails für die fehlende Einleitung an das „Local Organizing Committee“, bestehend aus seinen Studenten und Norbert selbst, der mir diese mit einem gefühllosen „z. Info.“ weiterleitete.

Hallo Norbert,

ich kriege meine Gedanken in letzter Zeit irgendwie nicht zusammen. Du warst mit der Organisation so sehr beschäftigt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass wir in den letzten Tagen zwischendurch eine ruhige Minute hätten finden können. Ich schreibe dir daher und versuche hier zu schildern, was ich für die Einleitung des Konferenzbuches vorhabe. Ich habe Verständnis, wenn du auf die Mail nicht bald reagieren kannst. Ich schreibe dir trotzdem, wie viele vor mir, die sich der Dialog- oder Briefform bedient haben, um ihre Ideen der Welt bekannt zu machen. Alle hatten sicher das Gefühl, dass das Geschriebene in Dialogform umhüllt, irgendwie verschont bleibt. In Dialog- oder Briefform zu schreiben, literarisiert das Werk nämlich, und wie alle anderen literarischen Werkzeuge kann das Geschriebene – ob philosophisch oder literarisch – konserviert werden. Das literarische Schreiben kann praktisch nicht ohne die literarischen Werkzeuge auskommen. Es gibt ebenso unzählige philosophische Schriften, die literarisch angehaucht sind. Auch für das wissenschaftliche Schreiben ist dies der Fall, was ich ohnehin zum Philosophischen dazu zähle, denn es gibt einige Werke von unbekannten Autorinnen, die ähnlich wie „Barbara Celarent Darii …“ [3] Merkgedichte in allen Gebieten der Wissenschaft und Medizin geschrieben haben, um das Erlernen des Faches zu vereinfachen, und zwar in allen Zeiten und in allen Kulturen.

Das Literarische macht das Schreiben unparteiisch, die Schriftstellerin wird nicht mehr wahrgenommen. Wenn ich von Martha Nussbaum etwas lese, habe ich Schwierigkeiten zu verhindern, ihre Stimme in meinem Kopf zu hören – ihre Stimme! Aber wenn Phaidros [4] dem Sokrates mitteilt, dass er etwas nicht verstanden habe und ihn um Erläuterung bittet und wenn dann dieser Bitte nachgegangen wird, dann bin ich eifrig herauszufinden, was dieser erwidert und denke dabei nicht im Geringsten an Platon selbst. Und ja, nicht nur das Geschriebene bleibt verschont durch die literarische Verpackung wie die Gathas [5] und der Veda, die aphoristisch durch Raum und Zeit verschont geblieben sind, sondern auch die Autorinnen selbst! Montesquieu streckte seine Fantasie so weit, dass selbst der Name und Ort des Verlagshauses für seine persischen Briefe [6] ausgedacht waren. Als wäre das nicht genug, schrieb er als namenloser Autor zunächst über sein Glück, mit den Persern enge Freundschaft geschlossen zu haben, sodass sie ihm ihre Briefe anvertraut hätten, die er nun wiedergebe. Dieser scheinbar einfache Kunstgriff verschonte ihn und sein Werk bald über drei Jahrhunderte. Ein Werk, das nicht frei von heißer Kritik an dem sozialen und religiösen System seiner Zeit war. Ein Werk, das anders geschrieben, als philosophisch eingestuft und womöglich vernichtet worden wäre.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen und schweife ab. Ich wünsche mir so sehr, dass es mir einmal so ergehen würde, wie es Kafka in jener Nacht erging, in der er ununterbrochen sein Urteil [7] beinah monolithisch niederschrieb. Einmal eine derartige Begegnung mit der Quelle der Ideen würde mir ausreichen, um wie ein Schauer Wörter niederzuschreiben, um endlich den Beitrag fertig zu bekommen. Korrigieren kann ich den Text im Anschluss, denn ich glaube nicht daran, dass vergängliche Menschen dazu in der Lage sind, auf Anhieb Vollkommenes zu erschaffen. [8] Das wäre wie das Glauben an die Liebe auf den ersten Blick, die ein Leben lang fortbestehen soll. Hätte Kafka sich einen zweiten Blick auf sein Manuskript erlaubt, wäre das Ende vielleicht nicht so abrupt gewesen. Das ist sowieso utopisch. Ohne Korrektur geht rein gar nichts, entweder im Kopf oder am Rechner. Ich drehe die Sätze tausendmal im Kopf herum, bevor ich sie niederschreibe und das Geschriebene ist meilenweit davon entfernt, die letzte Fassung zu sein. Einfälle kommen mir immer und überall in den Kopf, auf der Straße, beim Einkaufen oder sogar im Unterricht. Meistens sind es Bruchstücke, sie geben mir das Gefühl, das ersehnte fehlende Stück zu sein. Enttäuscht bin ich immer, wenn ich endlich die Gelegenheit finde, sie schriftlich vor mir festzuhalten. Geschrieben sind die Ideenfragmente oft nackt, ohne Aura und sehr fragil. Oft schaue ich mir die geschriebenen Sätze lange an, wie die Hühner beim Brüten auf ihren Eiern sitzen, bis ich mich wieder erinnern kann, wie es mir in jenem beflügelnden Moment des Einfalls ergangen war. Ich versuche, einen Anschluss zu finden, möge mich die Quelle erneut blitzartig ergreifen! Und ja, oft werde ich in der Tat belohnt, die Erinnerung gelingt, Sätze werden geschrieben und so geht es mir, bis der dünne Faden, der das Endliche in mir mit dem Unendlichen verbindet, wieder reißt.

Ach, und heute ist wieder so ein Tag, an dem kein Faden unversehrt bleibt. Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich kriege sie einfach nicht aus dem Kopf. Vorgestern standen wir kurz vor Mitternacht vor der Tür am Eingang des Kongresszentrums. Es gab kaum Geräusche, Autos fuhren selten. Das Licht der Straßenlaternen schien auf die gelben Herbstblätter an den Bäumen. Sie stand vor mir und lächelte. Zu nah für zwei, die sich kaum kennen, dachte ich mir. Sie sprach sehr leise. „Ich bin immer noch skeptisch!” Dann schaute sie auf ihre Uhr und versteckte die Hände wieder in den Manteltaschen. Die Lampe über dem Eingang funkelte in ihrer Brille. Es ist merkwürdig, ich kannte sie kaum. Doch war ihr Blick mir so vertraut, als würden wir uns bereits sehr lange kennen. Ich spürte den Anstieg einer Wachsamkeit und die Lust auf Entdeckung in mir. Mir froren zudem die Füße. Ich lachte oft und versuchte dabei, meinen Blick nicht auf ihren zu fixieren, denn ich befürchtete, sprachlos zu werden.

Nun zum eigentlichen Thema der Einleitung, lieber Norbert, das nicht frei von Bezug zu dem oben Erwähnten ist. Da du mir die Aufgabe erteilt hast, das Vorwort des Tagungsbuchs zu schreiben – für die Ehre bedanke ich mich herzlich – und da es sich hier um eine recht interdisziplinäre Konferenz zum Thema Künstliche Intelligenz und die Gesellschaft handelt, dachte ich mir, den Beitrag so zu gestalten, dass ein philosophisches Gleichgewicht entsteht, zwischen den recht bunten, teilweise sehr technischen Beiträgen und den Texten unserer Ethiker-Freunde, die alle im Anschluss an die Einleitung im Buch veröffentlicht werden sollen.

Nun, KI ist regelrecht auf der Überholspur. Die Realität ist, dass trotz steigendem Optimismus zumindest in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen viele Fragen offen geblieben sind, was die Koexistenz der Menschen und der Maschinen betrifft. Viele dieser Fragen sind sicher von technischer Natur, bei denen die Lösung entweder ganz im Bereich des im Prinzip möglichen liegt, die nur noch mühsam zu erzielen ist, oder solche, meist von ethischer Natur, die bereits jetzt in ihrer aktuellen Fassung an die Grenze der Philosophie rücken.

In diesem Beitrag möchte ich mich jedoch von all diesen Sorgen distanzieren. Ich versuche mich stattdessen einem Themengebiet anzunähern, das mich schon länger beschäftigt, nämlich die Beziehung zwischen der KI und der Kunst, genauer gesagt der Rolle der KI entweder als Kunstobjekt oder als Künstler. Mir ist bewusst, dass es sich hier um ein großes Vorhaben zu handeln scheint. Mach dir keine Sorgen mein Teurer. Wie ein „Nano“ habe ich einerseits Giganten, auf deren Schultern ich stehen kann, [9] denn von Kant und Hegel, bis Schiller und Adorno wurde viel über den Kunstbegriff geschrieben. Andererseits weder kann noch möchte ich das große Fass der Ästhetik in dem Sinne öffnen. Ich wähle stattdessen den schmalen Zugang zur Ästhetik, dem das literarische Schreiben als Brücke dient. Hier interessiert es mich, ob und wie die KI und das Schreiben zusammenkommen.

Bei den Vorträgen gab es solche und solche. Wenn es wieder mal nicht so interessant war, dann holte ich das Handy aus der Tasche heraus und schweifte im Twitter nach oben. Einmal drehte ich mich um. Sie saß allein in der hintersten Reihe, ganz oben im Hörsaal. Sie war am Eröffnungstag nicht da und ist wohl später dazu gekommen, dachte ich mir. Sie hörte konzentriert zu; kein Notizblock, kein Handy, kein Tablet, sie hörte nur zu.

Die erste Rednerin beteuerte, dass die künstliche Intelligenz mittlerweile auch den Weltmeister des GO-Spiels besiegt habe. Eine unglaubliche Leistung sei es, meinte sie, besonders weil die neueste Version sich sogar das Spielen selbst beigebracht habe. Durch das Spielen mit sich selbst versteht sich, anstatt die aufgenommenen Spiele der Weltmeister als Trainingsmaterial zu verwenden, wie es die früheren Versionen gemacht hätten. Solch eine unglaubliche Leistung! Oder der andere KI-Algorithmus, der gesponsert von einer bekannten Firma der IT-Branche, das Fernseh-Quiz Jeopardy! dadurch habe gewinnen können, indem er Millionen von Datensätzen in Sekunden durchforstet habe. Oder das andere KI-System, das vor dem Publikum in einem Frisörsalon angerufen habe, um einen Termin zu vereinbaren, ohne dass die Saloninhaberin etwas bemerkt habe – alles spontan mit Sprachsynthese, KI vom Feinsten sozusagen.

Nicht lange dauerte es, bis ein anderer Redner in einer Grafik das mooresche Gesetzt [10] zeigte: wie klein die Transistoren geworden sind und wie viele davon man mittlerweile in einem Chip einbauen könne, von Mikrometern auf Nanometern, von Hunderten von Tausenden auf Millionen, mehr Rechenpower, höhere Taktfrequenzen, mehr Daten die pro Sekunde über die Leitungen flattern, mehr Wireless-Bandbreite, von Gigabit zum Terabit, mehr Kerne für die Graphikprozessoren, mehr Flipflops [11] für die FPGAs [12] , mehr Textdaten fürs KI-Training, mehr Speech-Daten für NLP [13] . Was man gestern nicht geschafft habe, könne man heute, weil man einfach mehr von all diesem habe und was heute nicht klappen würde, würden wir morgen sicher schaffen, da werde die KI auch die Überhand gewinnen. Der Redner zeigte danach noch, wie die KI zusammen mit feinster Sensorik Unglaubliches erreichen könne: Mustererkennung in der Sicherheitstechnik, Medizin, Landwirtschaft und noch lange nicht zu guter Letzt in der Grundlagenforschung. Ich hasse Konferenzen, in denen jemand das mooresche Gesetz erwähnt.

Meine konkrete Frage lautet: Kann die KI schreiben? Um die Antwort herauszufinden, begebe ich mich auf die Suche nach einem möglicherweise verborgenen Element, dass das Schreiben überhaupt ausmacht. Denn, lieber Norbert, mit Schreiben meine ich natürlich nicht, eine Fülle von zusammenhängenden Wörtern und Sätzen zu einem größeren Schriftstück zu verknüpfen. Denn der Versuch ist in der Tat bereits gelungen: du kennst bestimmt das von der KI geschriebene Buch [14] über Batterien. Das ist eine Art Schreiben als Hülle, ohne dass sie etwas umhüllt, wie eine Verkettung von Hunten, die Erz aus dem Bergwerk befördert.

Alle Formen des Schreibens sind von Natur aus dem Kommando der Sprache unterworfen. In seinem letzten Kallias-Brief an Gottfried Körner schreibt Schiller hierzu passend, dass die Sprache den Gegenstand beraube, der ihr anvertraut wurde, ihrer Sinnlichkeit und Individualität, und drücke ihm eine Eigenschaft von ihr selbst auf, nämlich die Allgemeinheit, die dem Gegenstand ursprünglich fremd war. [15] Infolgedessen bleibt dieser Einfluss der Sprache also unzertrennbar vom Geschriebenen. Das resultiert darin, dass vieles Geschriebene sich ähnelt, eben wegen der Allgemeinheit der Sprache, die dem Gegenstand – was im Grunde nichts anderes ist außer einer Idee – zugleich Fluch und Segen ist. Die Sprache ist also für alle verständlich, zumindest im selben Sprachspiel [16]. Gerade deswegen kann sie wie eine grobmaschige Küchenreibe den feinen Blitz für einen Geistesgegenstand nur sehr schlecht ertasten, dem sie als Übermittler dient. Und gerade dort kommt das Literarisieren zur Hilfe. Die literarisierte Schreibweise durchdringt alle Formen des Geschriebenen – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, um die Unzulänglichkeit der Sprache aufzuheben.

Das Produkt des Schreibens ist im Grunde entweder das literarische oder das philosophische Schreiben, denn alle anderen Arten des Schreibens können als eine schwache Form der beiden gesehen werden. So wie das naturwissenschaftliche Schreiben und die Bedienungsanleitung meiner Küchenmaschine letztendlich philosophisch sind, weil sie Sätze über etwas beinhalten, ist das Senden eines Emojis im WhatsApp irgendwie literarisch; das Emoji steht nämlich für sich. Schwierig ist es, eine klare Trennung zu finden, die es nie gibt, denn das philosophische Schreiben kann genauso literarisch sein wie das Literarische literarisch ist. Für die weitere Beobachtung reicht es also aus, die starken Formen des literarischen oder philosophischen Schreibens in Betracht zu ziehen und deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu untersuchen, um herauszufinden, wie sich das Urwesen des Schreibens zum Vorschein bringt.

Später in der Kaffeepause habe ich gesehen, wie sie wie viele andere auch die Treppen hochging. Sie hatte enge Jeans an, die ihren Hintern deutlich machten. Ihr kurzer Pullover drehte sich frei und zeigte einen Hauch von der Haut ihrer schlanken Taille. Sie war von durchschnittlicher Größe, leichte Schminke auf der blassen Haut, ihre hellen Haare hatte sie wie einen Pferdeschwanz gebunden.

Sie sprach mit niemandem, ging in den Flur und sah sich die Bilder an der Wand an. Ich holte mir einen Tee und gesellte mich zu einer Gruppe um die erste Rednerin, bis der Organisator die Glocke der letzten Session klingelte. Er bat uns zudem, uns nach dem allerletzten Vortrag im Hof zu versammeln, damit wir gemeinsam zum Weinkeller laufen.

Ich ging ins Zimmer, brachte den Rucksack weg und machte mich fertig. Zog meine weniger bequemen, dünnen, aber sicher besser aussehenden Schuhe an, holte die Jacke, sprühte noch ein wenig Duft auf und ging hinunter.

Sie stand an der Treppe, an dem Tisch, auf dem sich eine Teilnehmerliste und ein Hotellageplan befanden und schaute sich diese genau an. Ich ging direkt auf sie zu und präsentierte mich mit einem breiten Lächeln. „So vertieft?” Sie drehte sich um und lächelte zurück. Sie trug kein Namensschild, so wie es normalerweise bei internationalen Konferenzen üblich ist. Sie fragte mich direkt: “Was machst du auf einer Tagung über die künstliche Intelligenz?”

Sie bot mir an uns zu duzen. „Ich heiße Lisa.“ Lisa, wie passend, dachte ich mir. Sie sieht wie eine Lisa aus, genau so stelle ich mir Lisas vor. Wir gingen der Gruppe hinterher in Richtung des Weinkellers. Ich erzählte ihr, warum ich hier bin. Über Norbert, über die Arbeit an der Uni. Sie stellte eine Frage nach der anderen, praktisch den ganzen Weg bis zum Weinkeller. Sie lachte immer wieder zwischendurch und machte den Eindruck als würde sie kein Wort glauben. Irgendwie befremdlich, aber auch sympathisch. „Aber woher kennst du mich? Haben wir uns schon mal getroffen?”, fragte sie einmal zwischendurch. Das war eine Frage, auf die ich keine Antwort parat hatte. „Eigentlich nicht.“ Ich wollte ungern zugeben, dass ich sie angesprochen hatte, weil ich sie einfach attraktiv fand. „Vielleicht auf einer anderen Konferenz?“, meinte ich neutral.

Ich kann dir die Lektüre eines Aufsatzes eines Frankfurter Kollegen, Martin Seel, nahelegen, lieber Norbert, indem genau diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht werden. Die Gemeinsamkeiten der beiden Schreibformen sind vor allem in der Beziehung zur Sprache verborgen. In beiden Schreibformen versucht die Philosophin oder die Schriftstellerin, eine noch nicht da gewesene Sprache für einen Text zu finden, den es ebensowenig gibt. Das philosophische Denken entsteht vor allem erst in der verwendeten Sprache und findet dort seinen Ausdruck, die Gedanken entwickeln sich dann erst durch das Schreiben. Im Unterschied zum literarischen Schreiben ist die gesuchte Sprache im philosophischen Schreiben eine, die für etwas ist. Die Philosophin schreibt über etwas, der entstandene Text ist eine Präsentation der mit ihm entstandenen Gedanken. Im literarischen Schreiben sucht sich die Autorin eine bestimmte Ausdrucksweise, sie entwickelt sie dann in einem Spielraum, indem sich der Text schließlich entfaltet, während der Philosophin im Grunde mehrere solcher Spielräume sogar im gleichen Text zur Verfügung stehen. Der philosophische Text kann über etwas in verschiedenen Weisen berichten, während der literarische Text im Grunde selbst etwas ist, worüber man berichten kann. [17]

Was die motivierende Frage dieses Aufsatzes angeht, lieber Norbert, ist allerdings der Gattungsunterschied zwischen den beiden Formen des Schreibens von geringerer Bedeutung. Betrachtet von dieser Perspektive stellt sich eher die Frage, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen den beiden gibt. Es geht also nicht darum, ob die KI literarisch oder philosophisch zu schreiben in der Lage ist, sondern ob sie überhaupt schreiben kann. Das Urwesen des Schreibens ist – ob philosophisch oder literarisch – nichts anderes als ein Erinnerungsvorgang; eine Erinnerung an eine Begegnung, eine Begegnung eines Endlichen mit einem Unendlichen. Das Schreiben ist immer eine Erzählung. Es gibt kein Schreiben ohne Beschreiben, ohne Etwas-beschreiben-Wollen. Denn über das Nichterlebte kann auch nicht geschrieben werden. Das Schreiben ist die Geburt einer Idee, es ist eine Inkarnation eines Geistes aus einer fremden Welt, die durch eine blitzartige Begegnung seinen Weg ins Unsrige findet. Und ja, lieber Norbert, du würdest sicher sagen wollen, dass es diese Überlegungen woanders schon lange gibt. Die Wissenschaft der Atome und ihrer Kerne lehrt uns, dass das Durchringen durch manche Schranken, die die Teilchen auseinander trennen unmöglich sei. Doch verdanken wir alles Leben auf unserer Erde der Tatsache, dass ein Teilchen solche Barrieren manchmal doch passiert. [18] Ja, so stelle ich mir es vor: Bilder, die wie kleine ephemere Feen aus dem Jenseits ungeahnt erscheinen, die mich beeindrucken und mich danach mit dem Eindruck allein lassen.

Sie gab mir praktisch keine Chance, etwas über sie zu erfahren. Ich kämpfte mich trotzdem durch. Obwohl mich nur Privates interessierte, versuchte ich mich zunächst nach ihrer akademischen Vertiefung zu erkundigen. Da sie mich daraufhin mit den Methoden und experimentellen Ansätzen ihrer KI-Forschung praktisch überflutete, wurde mir bald klar, dass sie eine Expertin in ihrem Gebiet ist. Ich konnte schwerlich etwas damit anfangen, wovon sie mir berichtete.

Im Weinkeller angekommen, setzten wir uns und sprachen weiter. Zeitweise äußerten sich auch andere am Tisch und diskutierten wie risikobehaftet ein Leben mit der künstlichen Intelligenz sein könne. Wie leicht die KI missbraucht werden könne und dass es am schlimmsten wäre, wenn eines Tages autonome KI-gesteuerte Waffensysteme verwendet würden. Autonome Waffen seien treffsicherer und würden etwa die Kollateralschäden minimieren. Irgendwie seien die herkömmlichen Waffen aber trotzdem sympathischer als die vollkommen autonomen. Hier würde ein Mensch dahinterstecken und man erhoffe sich dabei, dass dieser Mensch die Waffe auch mal nicht einsetzen würde, selbst wenn er den Befehl dazu habe. Eine Hoffnung, die überhaupt nicht mit der Realität in Verbindung steht, von deren Gegenteil uns die Geschichte wiederholt berichtet hat. Eine unglaublich beängstigende Vorstellung, überlegte ich mir.

Sie hörte aufmerksam zu. Der Weinkeller war gut besucht und sehr laut. Eine verirrte Fledermaus flog unter der gewölbten Steindecke herum. Die Tische waren dicht zusammengestellt; es gab Kerzen, Wasser, Wein, Kürbissuppe und Häppchen. Wir saßen eng beieinander. Nur ein paar Zentimeter dann könnte ich ihre Hände berühren, dachte ich, während ich über die Rolle der Philosophie in der KI-Forschung berichtete. Ich konnte mich in meinen Gedanken von mir trennen und sie dabei ansehen, ihre Hände, ihre leicht verlaufene Lippenstiftfarbe, ihren Blick. Ein Teil von mir wollte sie am besten gleich in den Arm nehmen, ihre Haare öffnen, ihren Atem spüren. Und doch habe ich es irgendwie geschafft weiterzusprechen, grammatikalisch korrekte Sätze zu bilden und im ununterbrochenen Gedankenaustausch mit den Tischgenossen zu bleiben.

„Ich bin aber Optimist”, warf ich in die Runde, „indem wir verstehen, wie die künstliche Intelligenz funktioniert, indem wir immer komplexere Systeme entwickeln, die unsere Aufgaben gleich oder besser erledigen als wir, Alltagssituationen besser meistern als wir, können wir immer näher zu dem kommen, was der eigentliche Unterschied zwischen uns und der künstlichen Intelligenz ist”. Sie musterte mich skeptisch. Ich fuhr fort: „So können wir uns an das Wesen des Menschen herantasten, um herauszufinden, was das ist, dass wir Menschen sind, was die Maschine nie sein kann.”

Ich nahm ein wenig Suppe, sie wollte aber nichts essen, nahm ein Glas Wasser und trank ein wenig. “Und was machst du in deiner freien Zeit?”, fragte sie. „Ich lese, ich lese viel, wenn ich Zeit habe”, meinte ich, „und du?” „Ich habe früher gelesen”, nickte sie, ihr Blick leicht in die Ferne gerichtet. „Seit dem Unfall letztes Jahr nicht mehr. Ich habe immer noch Schwierigkeiten beim Lesen. An einigen Dingen von vor dem Unfall kann ich mich gar nicht mehr erinnern, auch wenn mir manche Kleinigkeiten bis zum letzten Detail klar sind. Ich arbeite daran. Das Gehirn kann man auch trainieren, weißt du? Wie einen Muskel.” Schockiert war ich nicht, wurde aber nachdenklich. Ich wusste nicht recht, ob ich weiter fragen sollte oder ob es ihr vielleicht unangenehm ist, bei jeder neuen Bekanntschaft von dem Geschehenen zu erzählen und dabei vielleicht schmerzhafte Erinnerungen herbeizurufen. Es wurde aber auch spät, bald Mitternacht. Ich schlug vor, dass wir zurück zum Kongresszentrum laufen.

Das Schreiben ist die langsame Verarbeitung dieser blitzartigen Begegnung in dieser Einsamkeit. Das Schreiben fängt im Grunde mit dem Erinnern an den Geburtsaugenblick der Idee an. Aber das Erinnern, lieber Norbert, ist alles andere als das bloße Bereitstellen von möglichen Anfangspunkten und das Schreiben alles andere als das bloße Verknüpfen dieser zu möglichen Endpunkten. Es ist nicht die Schriftstellerin oder die Philosophin, die durch das Schreiben aus den Ideen etwas macht. Die Idee diktiert sich wie bei vorgegebenen Blaupausen ihren eigenen Werdegang. Die Schriftstellerin oder Philosophin ist nur ein Mittel zum Zweck, ihre Aufgabe ist, die Idee durch sich aufblühen zu lassen, während sie selbst möglichst unbemerkt bleibt. Der Zweck ist die Geburt einer Idee, die in ihrer Vollkommenheit und Autonomie strahlt, eine Autonomie, die letztendlich die wahre Schönheit der Idee bezeugt, [19] eine Schönheit, die einen flüchtigen Blick in das Jenseitige erlaubt. So kann das Geschriebene wieder erinnern. Der Zweck ist die unendliche Wiedergeburt einer Idee, die wiederholt durch das Erinnern weiterlebt und damit wie Fasern die ganze Existenz durchdringt, einer Idee, die der Existenz überhaupt ihren Sinn erteilt.

Es bleibt der Schriftstellerin oder der Philosophin überlassen, den literarischen oder den philosophischen Weg für das Schreiben zu wählen. Hier ist der Erfolg der Idee zur Autonomie zu gelangen bedingt durch die Person der Schriftstellerin oder Philosophin, durch ihre Entscheidung und ihr Können. Kein Damm ist hoch genug, um dem vom Berg herunterfließenden Wasser ein Hindernis zu sein. So kann keine Schriftstellerin oder Philosophin einer Idee ein Hindernis werden.

Die Straßenlichter funkelten in der Nacht. Wir gingen langsam die ruhigen Straßen entlang. Unten am Eingang standen wir und sprachen weiter. Ihr war kalt, sie rückte näher zu mir. Ich war sehr müde vom Tag, wollte aber die Unterhaltung ungern unterbrechen. Plötzlich kam mir der Gedanke, sie zu fragen, ob sie mit aufs Zimmer kommen möchte, vielleicht auf ein Glas Wasser. Ich hatte ja sonst nichts da. Was für eine verrückte Idee, dachte ich, niemals würde ich so etwas vorschlagen. Oder vielleicht doch? Wie hätte sie reagiert? Im Gebäude am Treppeneingang standen wir kurz wieder wie gegen Mittag. Plötzlich redeten wir nicht mehr. Nach einer längeren Pause und nachdem ich ein geistiges Bild von mir abermals ohrfeigte meinte ich widerwillig: „OK dann, bist du morgen noch da? Vielleicht sehen wir uns ja beim Frühstück”. Sie lächelte, nickte und wandte ihren Blick wieder zum Tisch mit den Listen. Ich ging mit fixiertem Blick auf sie die Steintreppen hoch, während jeder Schritt ein Echo in der ruhigen Nacht machte. Jeder Schritt glich dem Laut einer Glocke, der den Weg in Richtung einer möglichen Zukunft wies; eine Erinnerung an all die Möglichkeiten, die nicht sein würden, sobald die eine zu sein bestimmt wurde.

Angekommen schaltete ich die kleine Leselampe, die kaum die hohen Decken des großen, aber kalten, zur Hälfte leeren, steinernen Zimmers beleuchtete. Ich drehte die Heizung auf, duschte mich, und machte es mir anschließend im Bett bequem, ich rieb mir die Füße unter der Decke warm. Lisa konnte ich aber gedanklich nicht mehr los werden, Lisa und alle möglichen Erinnerungen aus der Zukunft, an denen sie Teil hatte.

Ich nahm ihr den Mantel ab, bot ihr einen Stuhl an, brachte ein Glass und die Wasserflasche, stellte sie auf den Nachttisch und saß selbst am Bettrand. Wir schwiegen. Sie trank nichts, ließ aber bald ihre Haare auf die Schultern fallen und setzte sich neben mich. Ihr Pulli knisterte mit kleinen Funken und elektrisierte ihre Haare beim Ausziehen. Im kalten Zimmer fühlte sich ihre Haut hart an. Ich spürte ihren Atem, ließ meine Hände wandern, dachte an nichts mehr, nur an sie, nur an das Hier und nur an das Jetzt.

Sie blieb bei mir. Ihre Brille legte sie auf den Nachttisch und kroch sich rund an meiner Seite. Unter der Decke umarmte ich sie auf ihre nackte Haut, ihre Brust füllte meine Handfläche, während ich mit den Fingern die Arabesque [20] spielte. Sie öffnete einmal die Augen, als wir das Flattern der Flügel einer Schnake hörten, die wie ein ungeschickter Pilot versuchte, irgendwo auf oder neben der Lampe einen Platz zu finden. Der blinde Wille mit der Quelle des Lichts vereint zu werden, bestimmte sie. Sie wollte nur noch da sein, wo das Licht ist und nicht mehr da sein, wenn das Licht nicht mehr ist. Lisa schlief, ich schnupperte an ihren Haaren.

So gesehen, lieber Norbert, kann das philosophische Schreiben nicht mehr und nicht weniger als das literarische Schreiben. Weder die eine Art kann mehr erzählen noch die andere. Das Ziel der beiden ist letztendlich das Erinnern – bei der Leserin eine Erinnerung hervorzurufen. Die Leserin ist mit der Idee allein, wie überhaupt erst die Schriftstellerin oder die Philosophin. Sie wird beeindruckt von der präsentierten Idee, wie einst die Schriftstellerin oder die Philosophin; im besten Falle genauso klar, ansonsten getrübt durch das Geschriebene. Das Erinnern ist also weder im Geschriebenen verborgen noch ist es eine Eigenschaft davon. Die fundierten Argumente in dem auserwählten Sprachraum, die die Philosophin wie Pflastersteine auf den Weg breitet, sind letztendlich nichts weiter als Gedankenstützen, die der Leserin im Moment des Sturzes aus ihrem Höhenflug einen klaren Boden der Definition bieten, wenn auch einen harten. In der Hinsicht unterscheidet sich das Ziel des philosophischen Schreibens kaum von den fest arrangierten Umständen in den literarischen Texten im einzigen Sprachraum, in dem sie überhaupt entstanden sind.

Es ist nur so, wie Seel es formuliert, dass „[d]ie bedeutenden philosophischen Texte … auf ihren schriftlich erzeugten Gedanken [bestehen], indem sie auf ihre Rundheit als Schriften verzichten. D[ie] Philosoph[in] ist ein[e] Schriftsteller[in], d[ie ihren] Text verrät.“ [21] Eine Philosophin stellt die Weichen letztendlich so, dass der Text philosophisch aufgeht. Wenn das klappt und wenn ihre Sprache es so erlaubt, kommt sie mit weniger und weniger aus, was das Literarische in ihrem Werk angeht. Das Erinnern ändert sich dagegen nicht. Trüb ist nur das Geschriebene, wenn es vor lauter Verzwicktheit den Höhenflug gar nicht erlaubt. Borges schreibt, wie er es für Unsinn hält, dicke Bücher zu verfassen, „dessen vollkommen ausreichende mündliche Darlegung wenige Minuten beansprucht“. Stattdessen stellt er sich lieber vor, dass es diese Bücher bereits gibt, für die er ein Resümee oder einen Kommentar vorzulegen versucht. [22] Borges ist so, Kant so, Schiller vielleicht beides.

Am nächsten Morgen machte ich mich fertig und ging schnell zum Treppenhaus. Unten am Tisch war sie nicht. Ich nahm die Teilnehmerliste und suchte vergeblich nach dem Namen „Lisa”. Ich suchte dann die Räume im Erdgeschoss ab, schaute kurz vom Eingang hinaus auf den nebligen Hof und sah viele Menschen in der Frühstücksküche. Viel Zeit hatte ich nicht mehr bis zum Beginn der Keynote Speech des Tages.

Im linken Flügel des Gebäudes im Erdgeschoss fand ich sie in einem schlecht beleuchteten, aber stilvoll dekorierten Warteraum mit hochwertigen Teppichen. Sie saß auf einem Retro-Sofa und schaute auf ihr Handy. „Ich lese gerade einen Artikel von dir”, meinte sie. „Welchen denn?“, fragte ich überrascht. „Den über das Selbst“, meinte sie leise. Ich war froh, sie wieder zu sehen und setzte mich neben sie auf das Sofa. „Ach den. Bei dem war ich mit dem Abschluss nie zufrieden, habe an den Text ewig herum korrigiert. Am Ende habe ich ihn abgeschickt, weil jede weitere Korrektur den Sinn unverändert gelassen hätte. Ich hatte Angst, dass wie bei Thomas Bernhard [23] am Ende doch nur ein Wort übrig bleibt, etwa nur das Selbst!“ Ich lachte kurz laut. Sie ignorierte die Anmerkung einfach und las weiter. Sie meinte, sie würde nicht frühstücken wollen. Mir knurrte der Magen und die Küche hatte nur noch wenige Minuten auf. „Wir sehen uns gleich in der Session, OK?“ Dann beeilte ich mich, zum Frühstücksraum zu kommen und sammelte einige Stückchen auf dem Teller, goss mir Kaffee aus der Riesen-Filtermaschine ein, stellte mich an einen Stehtisch und zuckte das Handy aus der Tasche heraus.

Die Keynote-Rednerin zeigte schon ihre 3. oder 4. Folie, als ich den Hörsaal betrat. Fast alle Sitzplätze waren besetzt. Ich schloss die Tür langsam hinter mir zu und ging die Seitentreppen langsam hinunter. Dabei versuchte ich herauszufinden, wo Lisa sitzt. Ich konnte sie nicht finden. In den Pausen suchte ich sie überall ohne Erfolg. Ich beobachtete aus der Ferne den unerreichbaren Norbert, umringt von Gästen wie das Zentrum der Milchstraße von Sternen. Der Tag war vermiest. Enttäuscht von mir selbst, genervt und verärgert sprach ich mit niemandem mehr. Ich hätte spätestens dann, als sie ihr Handy in der Hand hatte, ihre Kontaktdaten speichern sollen. Vielleicht, um ihr nachher eine „korrigierte“ Version des „Selbst“-Textes zu senden? Unsinn. Auch das stundenlange Warten am Abend am Eingangstisch war vergebens. Ich fühlte mich wie eine Statue, nicht eine marmorne, sondern eine aus Gips, mit Kratzern und Flecken, mit tiefen Spuren und Rinnen auf der Haut und auf dem Gesicht. Ich löse mich auf. Krümel fallen von mir, ich hinterlasse eine weiße Spur durch das Treppenhaus bis ich ins Bett falle. Nicht einmal die Schnake fand mich eines Flügelschlags würdig. Dunkel. Kalt.

Ich arbeite noch an dem Konzept, Norbert. Da muss noch viel getan werden, ich weiß. Der Umriss ist da und ich habe das Bild einer Idee im Kopf. Ich gebe mein Bestes, den Text schnell fertig zu machen. Ich sage dir, der Hauptgedanke leuchtet mir wie eine Supernova im hellen Tageshimmel. Ich fühle, dass ich auf einer heißen Spur bin.

Ich denke, dass die KI nicht schreiben kann, weder philosophisch noch literarisch. Nicht so wie wir Menschen schreiben können. Die KI kann sich nicht erinnern, Norbert, sie kann sich nicht erinnern, so wie wir das tun. Deswegen kann sie nicht schreiben, so wie wir es tun. Die Idee wird sich als Mittel zum Zweck nie die KI aussuchen, sondern immer die Menschen. Nur wir Menschen können Ideen gebären, nur durch uns Menschen ist die Wiedergeburt der Idee möglich. Nur wir Menschen können sie weitergeben, trüb oder klar. Es ist egal, irgendwas von ihr kommt immer durch und die Idee ist hartnäckig, Norbert.

Aber warum fragst du sicher, warum wir Menschen? Nun, ich denke, weil wir wie alles andere in der Natur selbst Ideen sind. Wir werden von anderen Menschen geboren, werden von ihnen geformt und gedeihen durch sie. Vielleicht weil wir schön sind, weil wir Autonomie ausstrahlen, auch wenn wir Atom um Atom, Zelle um Zelle bedingt durch alles andere sind und es trotzdem schaffen, uns gegenüber dem Unmöglichen im Leben durchzusetzen. Die KI ist ganz Heteronomie. Die KI ist nur schön, weil wir ihr ihre Schönheit gegeben haben, weil wir wollen, dass wir uns durch sie erinnern, weil wir den nächsten Geburtsaugenblick der Idee nicht wieder verpassen wollen. Die KI ist selbst nicht schön, weil sie sich nicht erinnern kann. Sie ist wie die Sätze, Buchstaben und Wörter eines Textes dafür da, um den Spielraum zu definieren, in dem die Erinnerung an die Geburt einer Idee weiterleben kann. Die KI kann sich nicht erinnern, Norbert!

Mein Zug fährt in den Bahnhof ein. Ich schlage die Tastatur zusammen, hebe den Rucksack hoch und hole das Etui des Tablets heraus. Das Programmheft der Tagung zeigt sich unter seiner Lasche. Ich hatte es wohl versehentlich dort hineingeschoben, als ich es in den Rucksack geworfen hatte. Ich mache es mir auf einem Sitzplatz bequem und schaue aus dem Fenster hinaus, das Programmheft massiere ich mit der Hand. Ich muss noch verarbeiten, was ich eben im Zeitplan des letzten Tages gelesen habe: die verpasste letzte Keynote-Speech mit dem Titel „Linear Interlacing of Structured Arrays (LISA): A novel approach for construction of hyper performance deep neural networks“, präsentiert von Norbert. Der Zug beschleunigt und bald sehe ich nur noch die Landschaft, die an mir vorbeigeht: bewegt, nicht zu schnell, aber sicher romantisch. [24]

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Fußnoten
  1. Vgl. Vivaldi A. Filae maestae Jerusalem RV 638 Teil II Adagio: Sileant Zephyri, Interpretation: Jaroussky Ph., Ensemble Artaserse, https://youtu.be/zIxXMIie9XI
  2. Freie Übersetzung des Liedtextes.
  3. Der Anfang eines alten Merkgedichts für die korrekte Anwendung der logischen Typen im aristotelischen Syllogismus.
  4. Vgl. Platon, Phaidros, in: ders., Werke in acht Bänden, hg. v. G. Eigler, Darmstadt 1983, Bd. 5.
  5. Gathas sind die fünf ältesten Hymnen Avestas die als der Person Zarathustras entstammende Abschnitte gelten.
  6. Montesquieu hatte es nicht leicht sein Werk zu veröffentlichen, außerdem hatte er über die Jahre einige Korrekturen an sie vorgenommen. Vgl. Montesquieu C. L., Persische Briefe, Ditzingen 2019, S. 5 – 7 und 305 – 307.
  7. Vgl. Kafka F. Das Urteil, Ditzingen 2019.
  8. Hans Sluga untersucht den Prozess des Schreibens sehr detailliert. Vgl. Sluga, H., Thinking as Writing, in: Grazer Philosophische Studien 33-34/1989, S. 137 ff.
  9. Nanos gigantum humeris insidentes (dt. Zwerge auf den Schultern von Riesen sitzend) ein Zitat, das zu Bernhard von Chartres um 1120 u. Z. zurückgeführt wird.
  10. Das moorsche Gesezt besagt, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise etwa alle 12 Monate verdoppelt.
  11. Ein Flipflop ist eine Schaltung die zwei stabile Zustände des Ausgangssignals besitzt. Viele von diesen können als Bausteine für FPGAs verwendet werden.
  12. Field programmable gate arrays sind integrierte Schaltkreise in der Elektronik in welche eine logische Schaltung dynamisch geladen werden kann. Sie werden in sehr rechenintensiven Gebieten mit vielen Daten eingesetzt.
  13. Natural language processing oder Computerlinguistik untersucht, wie die natürliche Sprache in Form von Text- oder Sprachdaten mit Hilfe des Computers algorithmisch verarbeitet werden kann.
  14. Vgl. Writer, B. Lithium-Ion Batteries: A Machine-Generated Summary of Current Research, Cham 2019.
  15. Vgl. Schiller F., Kallias oder über die Schönheit – Über Anmut und Würde, Ditzingen 2019, S. 64.
  16. Für den Begriff des Sprachspiels vgl. Wittgenstein L., Philosophische Untersuchungen, Frankfurt am Main, §1.7.
  17. Vgl. Seel, M., Über die Arbeit des Schriftstellers (und die Sprache der Philosophie), in: ders, Ethisch-ästhetische Studien, Frankfurt/M. 1996, S. 152-158.
  18. Es handelt sich um ein Na­tur­phä­no­men, dessen theoretische Erklärung den Namen Quantentunneleffekt trägt, jedoch ihre Folgen und Interpretationen bis heute Umstritten sind. Durch das Tunneln ist die sonst unwahrscheinliche Fusion in den Sternen und vor allem in der Sonne möglich, aus der alle Lebewesen ihre Energie, Wärme und Licht beziehen.
  19. Schiller schreibt über die Verbindung der Autonomie und der Schönheit. Vgl. Schiller F. a. a. O. S. 23 ff.
  20. Vgl. Debussy C., Arabesques Nr. 1 in E-Dur, Interpretation: Bunin, S., https://youtu.be/GStfo_f4L0g
  21. Vgl. Seel, M., Lob des Systemzwangs, in: Nagl / Silverman, S. 117.
  22. Vgl. Borges J. L., Fiktionen, Frankfurt/M. 2019, S. 13.
  23. Vgl. Bernhard, Th., Korrektur, Frankfurt/M. 1975.
  24. Eine Anspielung auf den ersten Satz Bewegt, nicht zu schnell der vierten Sinfonie in Es-Du von Anton Bruckner, mit dem Beinamen „Die Romantische“. Interpretation: Celibidache S. (Drgt.), Münchner Philharmoniker, https://youtu.be/yE0BxrKIZ60

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