Der Frosch und die Kürbisflasche

Der Frosch und die Kürbisflasche

Eine philosophische Kurzgeschichte (Fiktion)

© xaratustrah, the angling philosopher – 2020-12-01, update: 2021-06-03

Die Spuren verlaufen ununterbrochen auf einem Teppichboden aus winzigen Steinen. Sie wirken wie eingefrorene Wellen zwischen größeren Steinbrocken, die wie Inseln aus einem gigantischen Meer herausragen. Der Zen-Garten ist aber nicht groß, etwa zwanzig Schritte in der Breite entlang der Terrasse des Tempels, wo ich schon seit über eine halbe Stunde in so etwas wie einem Lotussitz hinter ihrer hölzernen Schwelle sitze. Bis zur hinteren Wand des Gartens ist es auch nicht weit. Dort grenzt das Grundstück der Tempelanlage an eine schmale, grünbewachsene Gasse, die als Zugang zum Nachbartempel dient.

Es ist eine klare Spätsommernacht. Zwei Insekten fliegen um eine kleine Lampe herum, die die Steine beleuchtet. Es ist ruhig und ich bin allein. Der herbe Geschmack von Matchatee, den ich am Nachmittag von einem schweigsamen Mönch zusammen mit einem luftigen Reisgebäck serviert bekommen habe, ist einer der hartnäckigsten Gedanken, den ich in meiner Meditation wegzudrängen versuche. Der Tee soll für die nötige Wachsamkeit sorgen; man darf nicht müde sein, heißt es, sonst gelinge die Meditation nicht.

Mein Zimmer befindet sich direkt hinter dem Tempel, neben einem anderen Häuschen aus Holz, in dem der Abt selbst und seine betagten Eltern wohnen; ein Achttatamizimmer mit dem Fenster zum Friedhof, genauer gesagt praktisch mitten im Friedhof. Nur eine dünne Wand liegt zwischen mir und den umgebenden Gräbern, nachts wenn ich mich auf den Futon lege, der direkt auf den Tatamis ausgebreitet ist. Das Zimmer ist so gut wie leer: die Kalligrafie zweier Schriftzeichen an der Wand, die ich mit Schwierigkeiten erkennen und im Internet als „Wolke“ und „offen“ übersetzen kann, und noch ein Stuhl mit lustigen Wollsocken an den vier Beinen, damit die Tatamis nicht beschädigt werden. Das unglaublich bequeme Kopfkissen ist gefüllt mit Sauerkirschkernen, purer Schlafgenuss, und das an einem spirituellen Ort wie diesem wo es eigentlich weniger um den Körper gehen soll. Es duftet auch gut, dank dem blauen Duftbeutel mit trockenen Blumen, den mir Aoi gegeben hatte. Ich lege ihn tagsüber darunter, bevor ich das Zimmer verlasse.

Es ist so gut wie unmöglich, an nichts zu denken. Das soll man erst gar nicht versuchen, hat mir einmal unsere Vereins-Zen-Meisterin empfohlen. Die Gedanken kommen so wie sie kommen, man soll sie einfach nicht beachten. Dann schweben sie und man schwebt mit ihnen in der Unbestimmtheit. Ich stelle mir manchmal vor, ich sei ein dicker Frosch, der von einem Wasserlilienblatt auf das andere springt, ohne dass er mit dem Blatt untergeht. Wenn man sich aber hinreißen lässt, folgt ein Gedanke einem anderen und so gibt es keine Meditation, höchstens nur Müdigkeit. Die Methode an sich hatte die Zen-Meisterin begrüßt, die Selbstidentifikation mit der Kröte wollte sie allerdings mir überlassen.

Wenn man es irgendwie schafft, alle Gedanken los zu werden oder zumindest sie nicht zu beachten, dann soll es möglich sein, den meditativen Zustand zu erreichen und nur noch im Jetzt zu verweilen, heißt es. Ich weiß ehrlich nicht, wie sich das genau anfühlen soll oder woran sich erkennen lässt, dass man den Zustand erreicht hat. Das scheint mir die Krone aller dummen Fragen zu sein, die nur das Schweigen meiner Zen-Meisterin als Antwort verdient. Praktisch weiß ich nur, dass die Schwierigkeit immer weiter steigt, je tiefer man in die Meditation einsinkt. Man läuft gegen eine Wand, die immer höher in den Himmel ragt. Kleinste Geräusche, Änderungen in den Lichtverhältnissen und sogar eine leichte Brise nehme ich irgendwann so stark wahr, dass mich ein Gedanke oder eine Erinnerung plötzlich zu sich reißt. Ich möchte irgendwann herausfinden, was ich bin, ohne meine Gedanken und ohne meine Erinnerungen. Geht das?

Eine Alternative zu meiner Frosch-Methode ist, sagte die Zen-Meisterin einmal, dass man doch einen Gedanken zulässt. Aber dann die geistige Anwesenheit völlig und ganz nur diesem widmet und versucht, alle anderen zu vergessen oder zu ignorieren. Am besten eignen sich diejenigen, die mit einer Tätigkeit einhergehen: sich wiederholende Vorgänge, Geräusche oder Bewegungen. Der Klassiker ist das Zählen der Atemzüge: eins, zwei, drei bis zehn und dann wieder abwärts, dann immer langsamer alle zwei Züge ein Mal, dann alle vier Züge usw. Oder beim langsamen oder sogar schnellen Gehen. Man kann sich zum Beispiel darauf konzentrieren, wie man den einen Fuß vor dem anderen vorsichtig absetzt, oder sich den Vorgang in der Zeitlupe vorstellen, mit allem was gerade beim Absetzen des Fußes dazugehört. Es geht darum, zu versuchen, die Gesamtheit wahrzunehmen, nicht als betrachtendes Ich, sondern als Niemand.

Einige Momente der Meditation wurden mir tatsächlich durch das periodische, aber dumpfe Stampfen meiner Schuhsohlen auf den steinernen Torii-Wegen des großen Schreins ermöglicht. Die waren ja sonst für nichts gut die Schuhe; ein Last-minute-Missverständnis vor dem Flug verursacht durch einen Wetterbericht im Internet, kombiniert mit übertriebenem Ehrgeiz zum Minimalismus, die dazu führten, außer den Winterschuhen keine anderen mitzunehmen. „You looked so funny“, kicherte Aoi, während sie den Himmel aus dem Fenster hinaus anschaute oder zumindest den Abschnitt davon, der nicht von den Wolkenkratzern der anderen Straßenseite bedeckt war. „Winter boots and the sports suit at over 30 degrees!“ Ich lag neben ihr auf ihrem Bett, große Warzenhöfe krönten die Masse ihrer breiten Brüste. Sie duftete nach lieblichen Blumen. Mein Arm über ihren zarten Bauch, ich spielte mit ihren Achselhaaren. „My choice of sports suit for long distance flights was learned the hard way“, flüsterte ich zu meiner Verteidigung in ihr Ohr. „Last time the joy of the flight over Queensland was spoiled by a pair of jeans pressing the veins in my thighs dry.“ In unserer stillen Zweisamkeit war sie die strahlende Sonne der Ruhe. Ich zählte ihre Atemzüge: eins, zwei, drei bis zehn und dann wieder abwärts.

Einen großen, locker über drei (Angler-)Meter langen Wels habe ich einmal von der Nähe betrachtet und sogar zwischen den kleinen fragenden Augen den schleimigen Riesenkopf gestreichelt, bevor man ihn wieder freiließ. Ob sich ein solch glitschiger Raubfisch mit einer Kürbisflasche fangen lässt? Die bildliche Vorstellung dieses Koans, den mir der Mönch in einem seiner unschweigsamsten Momente verraten hatte, lässt mich seit heute Nachmittag nicht in Frieden. Der Koan hat sicher den gleichen Sinn wie die anderen Methoden auch, denke ich. Durch die erhöhte Konzentration auf ein Thema soll man Gedankensprünge vermeiden lernen. Der Fokus liegt dabei weniger auf einer bestimmten Tätigkeit, wie Steine aufeinander legen, als diese in voller geistigen Präsens zu tun. Gelingt mir vielleicht irgendwann der Schritt, einfach an nichts zu denken?

Die Sitzposition ist auch sehr wichtig. Die Meinungen gehen aber auseinander, ob die Haltung selbst zur Meditation beiträgt oder bloß eine Hilfe ist, um den ersehnten meditativen Zustand nicht bald zu verlieren. Die Müdigkeitserscheinungen sind an sich eine große Ablenkung. Über die muss man auch springen wie der dicke Frosch, sonst werden sie immer unerträglicher, bis man irgendwann aufgibt. Am besten lässt man sich vom Fluss der Gedanken eine Weile treiben und betrachtet, wie sie vorbeiziehen, ähnlich wie der Blick aus der grünen Bahnlinie, die um die Stadt im Kreis fährt, und zwar immer in eine Richtung. Nur dem, der lange sitzen bleibt, wird ein erneuter Blick gewährt, wenn sich der Kreis wieder schließt, genauso wie der Zen-Kreis.

Ich versuchte meinen Koffer dicht an meine Beine zu drücken. Ich saß am Fenster auf dem letzten Platz vor der Tür mit dem Gesicht zum Inneren des Wagens. Neben mir und überall sonst waren Sitzplätze besetzt und die Pendler füllten jeden sonstigen Zentimeter, dicht, Schulter an Schulter. Eine weitere Haltestelle, eine weitere Druckwelle der Passagiere und ich fühle die Berührung von Knien in blauen Jeans unter einer rosa Bluse direkt vor mir; eine schlanke Taille, blumiger Damenduft, ein Smartphone mit glitzernder Hülle gehalten von einer Hand mit schmalen Fingern und schwarzem Nagellack. Weiter oben hing ein Dienstausweis an einem Anhänger, auf dem eine attraktive Frau mit kurzen, blondierten Haaren abgebildet war und von dem ich bis auf die drei Initialen eines IT-Unternehmens kein weiteres Zeichen entziffern konnte. Das weiße Headsetkabel am Smartphone lud ein, seinem geschwungenen Verlauf nach oben zu folgen und belohnte mich schließlich mit jenen auf dem Ausweis abgebildeten dunklen Augen, die ihren Blick über meinen Kopf aus dem Fenster hinaus richteten. Wusste ich wo ich aussteigen muss? Klar doch! Nichts ist in dieser voll vernetzten Metropole dem digitalen Zugriff und dem allgegenwärtigen virtuellen Übersetzer unbekannt geblieben, verlaufen kann sich hier niemand, dennoch sagte ich: „Hi! Ehm… sorry, do you know if this is the station to get off for the yellow line?“

Mit halboffenen Augen sehe ich ein drittes Insekt, das zu den anderen zwei dazu gekommen ist und die Lampe umfliegt. Bin nicht sicher, ob das Fliegen sind, wenn, dann sind es hier kleinere. Fliegen sind übrigens leckere Happen für Frösche, fällt mir gerade ein, und die Frösche für die Welse. Ob sich aus dem Zusammenhang etwas ergibt? Glaube ich kaum. Der dicke Frosch bleibt aber trotzdem mein Held. Für einen Bruchteil der Sekunde kontert er die Kraft der Gravitation, trennt er sich frei von der Welt und schwebt in der Luft, jedes Mal wenn er von einem Blatt abhebt. Ein herrliches Gefühl! Ähnlich muss es bei mir sein, denn ich fühle mich am nächsten zu mir selbst, nur wenn ich zwischen den Gedanken schwebe. Zu gleich ist es mir klar, dass ich keinen Zugang zu mir habe, ohne all das, an das ich denke. Aber nur wenn ich es schaffe, nicht bei einem Gedanken zu bleiben, kann ich bei allen dabei und letztendlich bei mir selbst sein.

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© xaratustrah, the angling philosopher – 2020-12-01, update: 2021-06-03

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